Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 263 sie arbeitet den Prinzipien der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit strickte entgegen. Wenn man so in den höchsten Tönen an die jüdisch-nationale Bestrebung herantritt, so sollte man doch auch von ihr gross genug denken und nicht versuchen, sich mit falschen und gefährlichen Identifizierungen über sie hinwegzutäuschen. Nationalen Individualismus verschreit man zu Egoismus, damit lässt sich dann leicht ködern; denn der stört allerdings die Harmonie einer idealen Zukunftsverbrüderung. — Bezeichnend ist es, wenn ein mächtiger Denker unserer Zeit, ein Jude, der von unserem Volke als den Trägern einer ethischen Mission spricht, sein Aufgehen in den Wirts Völkern als religiöses (i. e. ethisches) Postulat hinstellt; während er selbst sich unter der Verbrüderung aller Völker die Erde nicht etwa als französische Suppe vorstellen kann, vielmehr eine friedliche Gruppierung aller Nationen unter Wahrung der einzelnen Volksindividualitäten, die sich gegenseitig ergänzen, darin sehen will. Eine lieblose Inkonsequenz! Also auch deshalb ein unhaltbarer Standpunkt — für gewöhnlich inuss doch die Konsequenz lieblos sein, durch eine besondere Neigung kann sie zur liebevollen Inkonsequenz werden. — Auch wir sind Anhänger der Missionsidee des Judentums: der sozialen Mission, aber dazu brauchen wir Juden, das jüdische Volk; das ist das soziale Volk von Haus aus. Der Zug eines monotheistischen Sozialismus gibt der jüdischen Lebensanschauung das wertvolle Gepräge. Daran ändern böswillige Tendenzen nichts, die dem jüdischen Volke die Erlaubnis versagen möchten, noch einmal welthistorische Bedeutung zu erlangen. Denn darin liegt ja die doppelt erhabene Mission unseres Volkes, damit ist seine nationale Existenzberechtigung, seine nationale Existenz-- notwendigkeit gegeben: hat es einst eine rein ethische, d. i. soziale Religion sich geschaffen, die humanen Ideen der Menschheit offenbart, so war zur Propagandierung ein inniger Kontakt mit der ganzen Menschheit förderlich, vielleicht geboten. Soll der theoretische Bau nicht wieder in sich zusammenfallen, so müssen wir die Menschheit von der Idee zur Tat bringen. Wir müssen ihr, auf dem Boden der Väter, dem Heimatlande höchster Ideen, lebend, ein leuchtendes Beispiel werden für die Möglichkeit einer praktischen Durchführung der ethischen Prinzipien. Nun, da diese Gedanken im Zionismus eine greifbare Form angenommen haben, sollten wir im Sinne unserer Mission, d. h. vom sozialistischen Standpunkte aus, in ihm das Mittel sehen und suchen, an dem grossen Werke der Menschheitsbefreiung so mitzuarbeiten, wie es uns jüdische Pflicht ist. Sonst waren wir nur die Wegweiser der Menschheit, die unser nun entbehren kann, wir haben heute jedes Recht auf nationale Selbständigkeit verloren. — So muss uns also der Sozialismus zum Zionismus führen — man wäre fast geneigt, das an einem Syllogismus zu demonstrieren, wenn der nicht zu krass ausfallen müsste.