Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. In einer „Skizze" in No. 6 des J. St. findet sich folgende Stelle: „Die revolutionären Theorieen, die nicht nur die Schäden unserer sozialen Verhältnisse beseitigen, sondern überhaupt die Grundlagen der bestehenden Gesetze umstürzen wollen, halte ich, mögen sie auch von Juden in erster Reihe aufgestellt und verfochten werden, doch nicht für spezifisch jüdisch." Das hört sich ganz hübsch an und ist auch wohl nur als speciosius quam verius dictum zu nehmen. Ich halte es für vollkommen falsch und gerade das Gegenteil für zutreffend: denn der Verfasser gibt doch wohl zu, dass die jüdische Gesetzgebung eine soziale, keine politische ist, dass die alttestamentlichen Propheten Förderer sozialer Revolutionen sind. — — In einer Hinsicht könnte man allerdings ganz radikale Revolutionen als unjüdisch bezeichnen: existierte heute das jüdische Volk noch seit altersher auf nationalem Boden, so wären wahrscheinlich radikale Neuerungen in seinem Gebiete nicht notwendig; denn das Radikale müsste ja (es handelt sich nur um die reine Theorie) das streng Konservative erstreben, noch mehr, es müsste mit dem Reaktionären identisch sein. — — Im europäischen Milieu hingegen, d?s in seiner Ganzheit in die Tiefen des sozialistischen Prinzips noch nicht eingedrungen ist, mussten gerade unsere grossen Juden, die den Kern ihres Judentums begriffen, oder unbewusst von ihm auf ihre wahre Soziologie orientiert wurden, sich radikal ausnehmen; denn hier empfand man derartige Gedanken wirklich als neu. — Wir können also feststellen: Jeder Jude mit „hochgezüchteten und ausgeprägten jüdischen Instinkten" muss zum Sozialismus kommen. Und weiter: Wenn man selbst unter der Verbrüderung der Menschheit ein Aufhören aller nationalen Schranken verstehen will — wir können uns davon höchstens ein begriffliches Bild aufzwingen, ohne es uns ganz auszudenken —, so ist es doch eine logische Forderung, erst diese Schranken vor sich zu haben, um sie dann im jenseits zu befördern. Bei den meisten Völkern entsprechen die Verhältnisse dieser Forderung. Das jüdische Volk hingegen ist in seine Moleküle und deren Komplexe zersprengt, seine Oberfläche ins Ungeheure gewachsen, und somit hat seine Reibungsfähigkeit eine höchstmögliche Potenzierung erfahren. Es wird demnach in seiner Zerstreuung als Ferment den Völkerfrieden immer wieder stören — sozialistischen Tendenzen also stets entgegenwirken! — Wir haben festgestellt: 1. Der Sozialismus muss zum Zionismus führen. — 2. Jeder Jude mit „hochgezüchteten und ausgeprägten jüdischen Instinkten" muss zum Sozialismus kommen. Wir ziehen nun die Schlussfolgerung und erhalten als Ergebnis: Gedanklich muss der Jude als Sozialist Zionist sein, in der Betätigung ist er dann als Zionist Sozialist.