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Der jüdische Student · 1908-01-01 · Heft 10 (Januar 1908) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
4 (1907-1908)
Issue
Heft 10 (Januar 1908)
Date
1908-01-01
Page
[Seite] (sequence 19)
Language
German
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Der jüdische Student. 257 trotz aller europäischen Kultur, trotz der tiefgreifenden Erziehungseinflüsse ein Stück Wesenheit: das jüdisch Funktionelle in ihm. Die deutsche Kultur entspringt dem Lebensprozess des in der germanischen Volksseele funktionierenden Germanentums (die russische dem funktionellen Sarmatentum, die japanische der japanisch-wirksamen Psyche des Volkstums auf Nippon u. s. f.) Die germanische Kultur konnte in uns hineingetragen werden. Das funktionelle Germanentum nicht. Aus dem einfachen Grunde, weil wir keine Germanen sind, und doch nur solche jenes besitzen können. In uns funktioniert eben die jüdische Psyche. So nehmen wir zwar die uns gebotene Kultur auf, verarbeiten sie aber immer individuell jüdisch, was an der jüdischen Nuance der produktiven jüdischen Künstler jedem deutlich wird. Lauter — auch in unsern Kreisen allseitig — bekannte Tatsachen! Die allgemeine Bekanntschaft und Billigung dieser Theorie überhebt mich eines weiteren Eingehens auf sie. Das jüdisch Funktionelle in uns, dieses zarte, aber vielleicht gerade deshalb wertvolle Etwas, stellt die Berechtigung der modern-jüdischen Bewegung dar. Wären wir ganz gleich den Völkern um uns, wir hätten kein Recht, uns der durchgreifenden Assimilation zu entziehen. Da wir aber gerade dadurch sehr verschieden sind — man erinnere sich doch an die für denkende Geister völlig unerträgliche Tragik von fremdvölkischer Kultur und eigenartiger Psyche! — dürfen, sollen, müssen wir dies jüdisch Funktionelle nach Kräften fördern. Oder aber wir stehen ihm gleichgültig gegenüber und desavouieren damit glattweg uns selbst und unsere Hoffnungen und Taten! In der hebräischen Sprache, in der der beseelte Abglanz reinsten hebräischen Volkstums ruht, wird bei ihrer Wiedererweckung ohne Zweifel wiederum wertvolles psychisches Judentum aktiv. Ihr unberührter jüdischer Geist und unser jüdisch Funktionelles müssen sich zu einer hochwillkommenen Harmonie vermählen. An ein eigenes Kulturjudentum, das uns innerlich förderte, zu denken, hat tragikomischen Beigeschmack. Bildet man aber selbstständig die Sätze der hebräischen Sprache, so wird man genötigt, ihrem jüdisch funktionierenden Sprachgeist nachgebend das so oft betonte funktionelle jüdische Ingenium unbewusst zu Rate zu ziehen und durch die praktische Tätigkeit auf seinem ureigensten Gebiete zu innerst zu kräftigen. Ist das unerheblich? Nun, die Erheblichkeitsfrage steht mindestens in direktem proportialem Verhältnis zu der Bewertung des intellektuellen Zionismus — wir nennen ihn vielleicht eindeutiger und besser Judaismus. Wer immer den Judaismus — die Grundlage aller nationaljüdischen Bestrebungen also —hoch bewertet, kann nicht umhin, seinen Ausbau mit aller Kraft zu vertreten. Wenn die deutschen Humanisten des Mittelalters lateinisch sprachen, so war das allerdings etwas sehr Künstliches. Wenn aber Juden hebräisch sprechen wollen — ist da noch immer von Künstlichkeit die Rede?--

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