Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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256 Der jüdische Student. wirkt sie nationalisierend. Ich will das genauer ausführen. Unter anderen Werten einer Sprache sind uns früher derjenige des psychischen Niederschlages, der kulturelle und der pädagogische klar geworden. Uebernimmt nun jemand eine fremde oder entfremdete Sprache, so beginnen die in ihr enthaltenen Niederschläge aller Art, die doch dem Volkstum entstammen, das diese Sprache schuf und lebte, ihre Wirkungen auf ihren neuen Träger in stärkeren oder schwächerem Masse auszuüben. War sie aber früher nationaler Grundbestandteil eines Volksorganismus mit all den politischen, kulturellen, sozialen, psychologischen und künstlerischen Seiten, so muss sie, wenn sie aufs Neue sich zur Umgangssprache erhebt, ohne jeden Zweifel in ihrem alten Sinne, also nationalisierend wirken! So gelang es mir wohl, die politische Grundsubstanz jeder — also auch der hebräischen Sprache herauszukrystallisieren. Warum dieses politische Element bloss der gesprochenen Sprache anhaftet, legte die Einleitung klar. Denn dem schriftlichen Wort haben wir — also wenn wir's recht bedenken seit zwei Jahrtausenden in jeder Generation von neuem! — Historie, Religiosität, romantische Liebe zu unsrer Antike, Verständnis für eine verschollene Kultur, historischen Kritizismus und Ehrfurcht, Respekt vor dem Hebräischen zu verdanken, alles — alles, blos kein politisches Bewusstsein. Das musste erst mit Hilfe der Logik, künstlich in uns hineingetragen werden. Was uns aber not tut, ist nicht dieser logische, leicht zu verflüchtigende Politicismus. Es ist also das politische Empfinden, kurz Nationaljudentum! Das politische Bewusstsein im psychischen Sinne. — Man wird mir einwenden, dass ich mit all diesen Erörterungen den Vorwurf der Künstlichkeit solcher Transplantation von Volk zu Volk, von Zeitalter zu Zeitalter, nicht sonderlich bewältigt habe. Hier setzt nun eine bekannte Tatsache aus der modern-jüdischen Psychologie ein, die ich zu meiner Verteidigung heranziehe. Was ist es denn, das unserer modernen judaistischen Bewegung die innere Berechtigung verleiht? Die äussere dokumentiert sich ja in der schlimmen Lage der Judenheit, deren Umhergetriebenwerden von Volk zu Volk, deren prozentual ganz abnormes Riesenproletariat auf materiellem und geistigem Gebiet und deren dauerndes Bekämpftwerden von offenem, geheimem oder (im günstigsten Falle) latentem Antisemitismus gebieterisch nach Abhilfe verlangt. Wo sitzen die inneren Triebfedern des neuerwachten Willens zum Volkstum irgendwelcher Art? Bekanntlich in der zwiespältigen Stellung des Juden in der gegenwärtigen Kultur! Seiner Herkunft nach Südländer, von fremder Rasse, ursprünglich kontereuropäisch in Hinsicht auf den Unterschied Arier und Semit, nimmt er im Laufe der Jahrtausende die europäische Kultur von der Antike bis zur Moderne auf und assimiliert sie sich weitgehend, ohne deshalb einen Deut seiner eigenartigen, seiner zuerst vornehmlich auf s e i n e Rasse und s ei n Volkstum zugeschnittenen Religion aufzugeben. Dem (c. gr. s.) politischen Faktor in derselben, der volklichen Inzucht verdankt er,