Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 255 Das allerorts vorhandene denkwürdige Verpflichtungsbewusstsein gegenüber der hebräischen Sprache bringt einen auf den immerhin peinlichen Gedanken. Diese Art von romantischer Zuneigung ist sicherlich bekämpfenswert! Was aber bei der altgewohnten Hebräisch-Manier nie und nimmer gefördert oder in breiten Massen auch nur erkannt werden kann, ist der politische Faktor, den sie neben allem anderen darstellt — und hiermit gelange ich zum durchklingenden Qrundthema meiner Ausführungen. Um eine sozusagen negative Definition voranzustellen, ist die politische Seite der Sprache — wenn sie bezweifelt werden sollte — mit Leichtigkeit durch einen Blick in die gegenwärtige Weltkonstellation festzustellen. Ein tausendjähriger Einheitsstaat wie Oesterreich zerstiebt einzig infolge der Sprachenunterschiede im Laufe zweier oder dreier Jahrzehnte in so und so viele politische Einzelgebilde. Die Rassenunterschiede fallen bei der einheitlichen Kultur, der stabilen ökonomischen Abhängigkeit sowie dem einheitlichen Glauben herzlich wenig in Betracht. Sie ganz zu leugnen, wäre fehlerhaft. Wenn aber noch diese beträchtlichen Rassenverschiedenheiten stören, so verweise ich auf Holland im Verhältnis zu Deutschland oder noch eklatanter auf Norwegen im Verhältnis zu Schweden (oder Dänemark). Hier haben wir das Schauspiel, dass ein gleichrassiges, gleichgläubiges, ökonomisch und politisch auf einander angewiesenes Volkstum, dessen Kultur ausgesprochen einheitlich, skandinavisch ist, durch den Sprachenunterschied dazu kommt, sich zu spalten, die Nuancierungen seiner respektiven einander ähnelnden Zustände zu betonen und unabhängige Staatswesen zu konstruieren. — Ferner erleben wir es, dass die ungefähren Sprachgrenzen Europas zugleich politische Grenzen darstellen; das Portugiesische ist rein auf jener abgegrenzten Strecke der iberischen Halbinsel lokalisiert, nur Deutschland spricht deutsch und nur Italien italienisch (die Schweiz behielt als Pufferstaat ihre Unabhängigkeit, und was in Oesterreich deutsch oder italienisch spricht, drängt ja in der Tat politisch zu den Heimatsstaaten, was den Beweis nur kräftigt) — Russland ist von der Weichsel bis Sachalin russifiziert. Die eine Seite der Politik als Staats bildende Kraft tritt in der Sprache also zu vollkommener Evidenz an den Tag. Aber auch positiv lässt sich die Sprache als solche — und die hebräische, gesprochene betrifft das genau so — als ein äusserst vielseitiges und brauchbares politisches Instrument nachweisen. Der auf den Willen gerichtete Wert der Einheitssprache, wie er in all den Russifizierungs-, Germanisierungs- oder Slavisierungsprozessen zum Ausdruck kommt, zeigt deutlich, wie Regierungen ihre Sprache als politisches Element und noch mehr als politisches Werkzeug einzuschätzen wissen. Weil aus der Sprache — ihrer erzieherischen Wirkung gemäss — psychologische Wirkungen selbst auf ihre neuen Träger zurückfliessen, welche erstere auf das in ihr abgelagerte Volkstum ihrer ursprünglichen Träger zurückzuführen sind,