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Der jüdische Student · 1908-01-01 · Heft 10 (Januar 1908) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
4 (1907-1908)
Issue
Heft 10 (Januar 1908)
Date
1908-01-01
Page
[Seite] (sequence 16)
Language
German
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254 Der jüdische Student. element, Kulturfaktor wie das deutsche gesprochene Wort, oder ein Bismarckscher Gesetzentwurf in statu nascenti! Nach diesen Werten finden wir auch einen pädagogischen in jeder lebenden Sprache, indem sich alle genannten vereinigen, und rückstrahlend die Entwicklung des Einzelnen oder des Volkes in stärkster Weise beeinflussen. Der Kulturniederschlag in ihr erzeugt wiederum Kultur, indem ein Drama auf ein erst entstehendes einwirkt, die in der Sprache aufbewahrten geschichtlichen Elemente der Kultur abermals Geschichte veranlassen, oder der künstlerische Wert der Sprache es bewirkt, dass an ihre eigene Weiterentwickelung (Stilistik) herangetreten wird, und so fort, um nicht mehr von der an ihren Ideengehalt anknüpfenden reichen Ideenassociation zu sprechen. Aber natürlich, es handelt sich um eine lebende Sprache! Schliesslich und (im Zusammenhange dieses Aufsatzes gesprochen) vornehmlich der politische Wert. Bei dem Betrieb des Hebräischen in alter Weise hegen und pflegen wir sicherlich manche dieser in der Sprache wirksamen Faktoren. Die hier einmal alles übertönende jüdische Note, das Wirken der jüdischen Psyche wird uns als Gegensatz zu unserer gesprochenen Landessprache zum klaren Bewusstseinsbild. Dass dies unser jüdisches Allgemeingefühl in günstigem Sinne tangieren wird, wie Hesse sich das bestreiten? Unser verschwommenes Judentum nimmt hierbei an Tiefe zu, an Schärfe der Umrisse leider nicht. In eben derselben Weise bereichert sich unser Empfinden für die uns entschwundene, antike Kultur unseres Volkes und mancher wird seine Liebe zu ihm gerade daran entzünden. Alles kann zugegeben werden. Aber wie darf denn ein bloss auf den Sentiment gerichteter Unterwert zum führenden erhoben werden? Welch ein Missverstehen des National-Judentums läuft doch da mit unter, welches ja ein politisches sein und politisch aufklärend wirken will! Die Idee aber gar, dass wir — mit Religiosität hat das nichts zu tun — es uns, oder weiss welchen Personen oder Theorien schuldig seien, dass jeder B. J. Cer resp. jeder Jude doch mindestens die Bibel im Urtext lesen und ein bischen übersetzen können müsste, sieht verdächtig nach sentimentalem Totenkultus aus. Ich entdecke hier einen neuen, unheimlich anmutenden Wert einer Sprache. Es ist die Feierlichkeit und der Lapidarismus alles uns Entfremdeten, der Eindruck des Erhabenen, den all das in uns auslöst, das uns erschreckend, grosszügig, einförmig und gegen uns gleichgültig, also in festlichster Objektivität entgegentritt. Stehen wir der hebräischen Sprache und dem sich in ihr inkarnierenden altjudäischen Geist so ausserordentlich diagonal gegenüber, dass er uns gar nicht mehr berührt? Haben wir es etwa gar mit einer paradoxen Satire zu tun, wenn uns einer der führenden Geister französischer Zunge zurief: La langue hebreuse n'est pas une langue morte; eile est une langue endormie? Wenn das Hebräische wirklich bereits eine unsere tiefste Empfindungsfähigkeit betreffende Ehrfurcht, gleichsam divinatorisch einen latenten Respekt erfordert, dann freilich ist es uns abgestorben.

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