Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 253 Beschäftigung mit der Bibel im hebräischen Urtext eine romantische Zuneigung für die Antike des jüdischen Volkes pflegt und steigert. Diese nunmehr klargelegte, oft sogar tiefgehende, zumeist aber sich an der Oberfläche haltende romantische Zuneigung hat binnen zwei Jahrtausenden es nicht fertig gebracht, eine jüdisch-politische Volksbewegung zu erzeugen, sondern gebar fort und fort jenes passive, verschwommene und, wo es mystisch-kraftvoll auftrat, stets tragische Judentum, das sich in keiner Weise seines politoiden und doch nicht zum politischen drängenden Zustandes bewusst wurde. Ja, wenn wir das „Volk" des Buches wären, wie wir von den Arabern genannt werden! Als Volk waren wir seit dem Zusammenbruch unserer staatlichen Unabhängigkeit höchstens das Volk des Buchdeckels. Killohjudentum! Wer diesem nachgibt, kommt selbstverständlich dazu, das Bibelübersetzen für nicht unerheblich, die Belebung des Althebräischen für Künstlichkeit zu halten. Denn es ist in diesem Sinne nicht unerheblich, jüdische Empfindungen etwas zu pflegen und den jüdischen Gesichtskreis etwas zu erweitern. Und in eben diesem Sinne ist die hebräische Sprache tot, und könnte heute nur zu künstlichem Brutofenleben erwachen! Es erhebt sich die Frage, ob in der hebräischen Sprache, wenn wir sie zum Zweck der Untersuchung einen Augenblick als lebend, als Organ eines Volkskörpers gleich dem modernen Englisch, dem modernen Deutsch betrachten, Werte verborgen sind, die volle Kongruenz mit den Werten modern-jüdischer Probleme in Anspruch nehmen. Ob also letzten Grundes der neu-judäischen Politik und der in die Neuzeit herübergeretteten hebräischen Sprache auf den jüdischen Gegenwartszustand bezogen, derselbe Vitalismus innewohnt. Wobei Vitalismus direkt als Lebens Ursache gemeint sein soll! Wir sind in der Weiterführung des angefangenen Gedankenganges genötigt, die einer Sprache innewohnenden Werte genauer abzugrenzen. Zuerst sei der künstlerische angedeutet, der vielleicht für den ursprünglichsten zu erklären ist; denn das Formen eines gefügigen Materials zum Zweck der Reproduktion aufgenommener Eindrücke mit dem Hintergedanken der Mitteilung an einen aufnahmsfähigen Geist ist ein spezifisch künstlerisches, in unserem Falle dichterisches Unterfangen. Hierauf werde der philosophische, genauer: psychologische erwähnt, der sich daraus ergibt, dass sich in einer Sprache als dem Ausdruck des Seelenlebens eines Volkes dessen psychische Vorgänge in weitgehender Reinheit krystallisieren müssen. Drittens ist der kulturelle Wert einem Jeden evident. Die ganze Geisteskultur eines Volkstumes schlägt sich ja vornehmlich in seiner Sprache nieder. Zwar nicht einzig und allein — was oft übersehen wird —, aber doch in breiter Schicht. Die Sprache ist in höchstem Masse Kulturelement — selbstverständlich nur als lebendige in einem lebenden Volkstum! Das Latein in Deutschland ist eo ipso eiserner Bestandteil der deutschen Kultur, gleich dem Handel, dem Bankwesen, Goethe — aber keineswegs etwa Kultur-