Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1908)
- Date
- 1908-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 245 an den Kopf zu werfen. Das ganze Treiben macht sich wie eine Schlacht zu Homers Zeiten: vor dem Kampf treten.die Häuptlinge der feindlichen Parteien aus dem Lager heraus und halten herrliche Reden. Schmähen die Gegner, loben die Ihren. Zwar sind diesmal die berühmten Versammlungen mit den noch berühmteren Männerreden weggefallen, aber dafür hat es um so mehr Flugblätter gegeben. Vor mir liegen allein acht, aber das sind ja nicht etwa alle. Sie sind £um Teil sehr schmeichelhaft, zum Teil weniger. Wie diese ganzen politischen Kämpfe zur Frage der Verwaltung der A. L, H. kommen, ist allerdings von vornherein denkenden Menschen unklar; klar ist nur, dass wir Juden so lange die selbstverständliche Pflicht haben, auf dem Plan zu erscheinen, als wir antisemitisch angerempelt und verhöhnt werden. So lange ist jede sogenannte „vornehme Zurückhaltung" Feigheit und Mangel an Selbstgefühl. Man drängt uns den Massen- und den Klassen- und den Rassenhass auf: nun gut, wir werden ihn führen. Dabei konnten wir dies Jahr den tertius gaudens spielen. Wir hatten das einzigartige Vergnügen, zuzusehen, wie sich die deutschnationalen Elemente der Studentenschaft gegenseitig befehdeten. Aus der Allgemeinen freien Verwaltungspartei, die im vorigen Jahre ihre Existenz einem Kompromiss der Freien Verwaltungspartei mit etwa 30 anti- und asemitischen Verbindungen verdankte und die Vorherrschaft des V. D. St. in der Nationalen Partei lähmen wollte, löste sich in diesem Jahre eine Freie Deutsche Partei los, die lediglich Verwaltungsinteressen zu haben vorgibt, es aber trotzdem fertig bekommt, in einem Atemzuge Front gegen „ungebührliche Anmassung" und „Sentimentalitätspathos" zu proklamieren, d. h. auf gut Deutsch: gegen die frechen Uebergr'ffe der Juden und den mitleidsvollen Kampf für sie! Andererseits ist ihr doch die Judenhetze der N. P. auch wieder „unerfreulich" und national nicht gleich antisemitisch. Dies verstehe, wer kann! Die N. P. erblickt nun mit Recht in der neuen F. D. P. eine unangenehme Geschäftskonkurrenz, die sie niederschreien und kompromittieren möchte. Das gelang ihr übrigens, dank einer entsetzlichen Ungeschicklichkeit der F. D. P., die nämlich der N. P. kurz vor den Wahlen zumutete, sich ihr anzuschliessen, widrigenfalls die F. D. P. doch wieder bei der F. V. P. Anschluss suchen würde. Aber die N. P. braucht nicht auf die lächerliche, wenig „echtes deutsches Volkstum" verratende Taktik der F. D. P. mit Fingern zeigen: sie selber hat von dem ersten der unveräusserlichen Menschenrechte, auf Grund dessen jeder sich so unsterblich blamieren darf als er kann, den ausgiebigsten Gebrauch gemacht! Sie hat nämlich folgenden Passus in ihr Flugblatt zu setzen keinen Anstand genommen: „Wir wollen die Lesehallenwahl zu einer politischen Parteihetze nicht gestalten.'4 Hier bleibe ernst, wer genug Selbstbeherrschung besitzt, die Lippen festaufeinanderzukneifen und sich das Lachen zu verbeissen. Vielleicht liegt aber manchem das Weinen näher, wenn er sieht, wie gewissenlos die Männer von deutscher Treu' und Art — lügen können. Der Tragödie der Verlogenheit fehlt