Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1907)
- Date
- 1907-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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228 Der jüdische Student. über die Situation in Odessa nichts weiteres erfahren können, als was die Schreiber der Bourgeoisie für wichtig halten. — In einem zwischen Verbitterung und Nachsichtigkeit schwankenden Artikel machen sich die H. N., die doch wirklich keine einseitige Politik treiben, sondern erst jetzt wieder von neuem versichern: „Allen Hochschul-Angehörigen stehen die Spalten der „HN.€ zum freien, sachlichen Meinungsaustausch offen", über die russischen, d. h. jüdischen Studenten in der Schweiz Luft. Das alte Lied: ungenügende Vorbildung, überhaupt geringe sprachliche Vorstufe, Vordrängelei in den Hörsälen, auffallende Sitten, als da sind: zu freier öffentlicher Verkehr mit dem »herzallerliebsten Fräulein*, unordentliche Kleidung, zerrissene Röcke, ungeflikte Hosen, Unreinlichkeit der Bettwäsche, Mangel an Sorgfalt gegenüber Tapeten .... — aber wozu die Aufzählung hier? Die es wissen, dass leider, tausendmal leider viel Wahrheit in den Vorwürfen steckt, schmerzt es selber tief genug; und die beschränkten Ausländerfanatiker rühren auch die Tatsachen nicht. Anerkannt wird nur ihr immenser Bildungstrieb, der angestrengteste Fleiss und die harte Arbeit und — die Bedeutung dieser »Russen" für die russische Kultur, indem doch von ihnen „zweifellos mancher gute, politische Gedankenkeim mithinausgetragen wird in die unendlichen Steppen-, Wald- und Kulturgebiete des von Staat und Kirche so schwer vernachlässigten Riesenreiches.* Nur? Ich finde, es ist genug für diese Armen! Mit diesen geistigen und moralischen Qualitäten dürfen sie getrost mit teutschen Kommilitonen rivalisieren. Dass sich das Satisfaktion gebende „Korps Kadihma" in Bern, das nur die Elite der russischjüdischen Studentenschaft aufnimmt, der besonderen Achtung des Berichterstatters der H. N. erfreut, ist klar. In Oesterreich befindet sich die jüdische Studentenschaft weiter in ihrer exponierten Lage, ohne dass doch die nichtzionischen Studenten deren Ernst erkennen und vor allem sich zu einem selbst - bewussten Auftreten ermannen können. Auf dem XX. Stiftungsfest des A. T. V.-Wien stieg wieder einmal eine antisemitische Brandrede. Aus dem noch heute bestehenden »Turnverein der Wiener Hochschulen* seien vor zwei Jahrzehnten die deutschen Mitglieder ausgeschieden, da in ihm das jüdische Element bald in der Mehrzahl vorhanden war, und hätten den A. T. V. begründet, der, entsprechend dem Vermächtnisse Jahns, frei von fremden Helfern, Angehörige einer anderen Nation oder gar einer fremden Rasse von der Mitgliedschaft ausschloss. Nach einigen Worten über das Wachsen des A. T. V. und seinen Anschluss an den A. T. B. drückte der Redner seine Freude darüber aus, »dass besonders unter den deutschen Turnern der gleich anfangs von uns vertretene Antisemitismus immer weitere Kreise zog; der Antisemitismus, der, den Gründen der Vernunft folgend, sich dagegen sträubt, im deutschredenden, aber unserm Volkstum fremden und schädlichen Juden einen deutschen Volksgenossen zu erblicken.