Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 7 (November 1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 187 Aber das wird sogar von Zionisten bestritten. Man verweist auf den Wortlaut der Statuten, man ist „Individualist" un l schätzt den Wert von Meinungsverschiedenheiten, nicht etwa aus pädagogischen Gründen in der Erziehung, sondern auch im Resultat höher als die eigene Ueberzeugung, oder man versteht aus anderen Gründen nichts von der Sache.'") Hierüber einige Worte. Es muss immer wieder betont werden, dass unsere Statuten einen durchaus äusserlichen, nichtssagenden Charakter haben. Der erste Paragraph ist ein nachgiebiges Aufnahmestatut. Die hier aufgestellten Postulate, Bewusstsein der jüdischen Wesensart und Wille zum Judentum bedeuten für uns praktisch nicht mehr als vage, in ihren Abgrenzungen stets schwankende Kriterien für die Prüfung der x\ufnahmefähigkeit eines Keilfuxen. Der zweite Paragraph verkündet als Ziel Stellungnahme, ohne auch nur ungefähr zu sagen, in welchem Sinne die Entscheidung zu erfolgen habe, der eigentliche Stützpunkt für die freie Auslegung des Programms. Aber, wie dem auch sein mag, — man kann über Einzelheiten der Auffassung streiten, nur verlohut es sich nicht der Mühe — soviel muss bei tieferer Ueberlegung einenj« jeden klar sein, dass der B. J. C. nicht aus dem Wortlaute dieses Statuts begriffen und bewertet werden muss, sondern, dass umgekehrt die „Tendenzparagraphen" ihrer ständigen Interpretation, ihrer Erfüllung durch cL-n konkreten Gehalt der Gedanken -und Gefühlswelt, sagen wir mit Vorsicht: der Weltanschauung bedürfen, in welcher der B. J. C. durch bestimmte Zusammenhänge, durch seine historische Entwickelung unlöslich wurzelt. Bei aller Unbestimmtheit cLs Statuts ist der B. J. C. nichts anderes als eine Schöpfung jenes von Kirschner kritisierten, eigentümlich zwiespältigen und *) Der „Die Gefahr" betitelte Artikel von Bbr. Siegfried ftosenthal (München) in der Oktobernummer des J. St. konnte in diesem Aufsätze unmittelbar nicht mehr berücksichtigt werden, doch wird er von meinen Darlegungen in allen seinen Teilen mitbetroffen. Er ist ein klarer und prägnanter und daher bemerkenswerter Ausdruck der Ansicht, die man als die verhängnisvollste Yerkennung der Aufgaben des B J. (.'. und als den gefährlichsten inneren Feind aller jüdischen Arbeit erkennen muss, wenn man nicht dauernd auf reale Erfolge verzichten will. Er kennzeichnet mit seltener Deutlichkeit das Judentum, das wir überwinden sollen: Das Judentum ohne Umsicht, Absicht und Aussicht, ohne Gegenwartskritik und ohne Zukunftsaufgaben! Das alte, selbstzufriedene, an ein paar verschwommene historische Reminiszencen zart angelehnte, im 'weitesten Sinne unpolitische und für zusammenfassende Probleme verständnislose Killojudentum, das die Verantwortung für die weitere Gestaltung des jüdischen Volksschicksales ohne selbsttätiges Einwirken dem „historischen Werden" überlässt, das daher immer nur das bereits geschichtlich Gewordene und Geformte allenfalls zn begreifen vermag und nur hier „Werte" findet, das aber das AVerden und Sichformen einer neuen, nicht miterlebten und mitgeschäffenen Zeit nicht fühlt und sieht und die Unklarheiten und Unfertigkeiten des Neuen mit der platten Phrase: „Schlagwörter!" (das übrigens selbst eins der schlimmsten modernen Schlagwörter darstellt) träge abweist! — Der B. J. C. aber gehört der Zukunftsarbeit, deren Voraussetzungen sind Klarheit, Bestimmtheit und Geschlossenheit, die das Trennende nicht übersieht und übergeht, sondern beseitigt!