Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 7 (November 1907)
- Date
- 1907-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 185 Zionistische Sorgen und Gedanken. Der letzte Kartelltag beschäftigte sich vorwiegend mit organisatorischen Fragen. Prinzipielle Diskussionen traten in den Hintergrund. Auch der kommende Kartelltag wird sich mit dem weiteren Ausbau und der Befestigung* unserer Organisation zu befassen haben. Doch glaube ich auch, dass nachgerade über Sinn und Inhalt unserer Bestrebungen eine solche Unklarheit und solche Meinungsdifferenzen in unseren Reihen entstanden sind, dass der 7. K. T. wohl oder übel gezwungen sein wird, in dem Wirrwa:r dv r verschiedenen Auffassungen Ordnung zu schaffen und endlich einmal eine authentische Interpretation unseres Programms zu geben. Audi diejenigen, di? solchen an das innerste Wesen unserer Existenz rührenden Fragen gerne aus dem Wege gehen, werden sich nach din Ereigni&sen des letzten Kartelljahres zu ein r entschiedenen Stellun nähme bequemen müssen. D.r Affaire Löwenthal, dem Anfrage Marburgs auf Einberufung eines ausserordentlichen K. T., dem „süddeutschen Chargiertenconvent", dem Austritt Ernst Wolffs aus unseren Reihen, allen diesen Ereignissen lagen ganz aussei ordentliche und ungewöhnliche Motive zu Grunde, die nicht an Fragen der Organisation, insbesondere der Disziplin rühren, sondern die im Giunde sämtlich in tiefgehenden pro^rammmässigen Unstimmigkeiten wurzeln. Und überall hat sich ernsten Kritikern die Frage aufgedrängt: Was sind und was wollen wir eigentlich? Was haben wir geleistet, uud was wollen und können wir leisten? Und dann, nachdem der voiige K. T. die äussere Einheit des B. J. C. durch Schaffung eines ständigen Präsidiums in Berlin stabiliert hat, die Frage nach dem Einheitlichkeitsbewusstsein, nach der Solidarität der Vereine Jüdischer Studenten, die Frage: Gibt es eine gemeinsame, grosse und starke, den B. J. C. umfassende und bestimmende Tendenz, oder ist unser ganzer Band von 450 „Bimdesbrüdern" ein Konglomerat von kleinlichen, innerlich auseinanderfallenden Conknrrenzunternehmungen, deren eitles Bestreben es ist, sieh gegeneinander durchzusetzen, ein Tummelplatz plan- und zielloser, in ihrer eigenen Erziehung einer unreifen Selbstbestimmung überlassen er Knaben, die an unseren ja so nachgiebigen Tendenzparagraphen nach freiem Ermessen deuteln dürfen?! Besitzt der B. J. C. in seiner heutigen Wesensart ein Programm, das einen selbständigen Inhalt 1 at, oder ist das, was wir unser Programm nennen, in Wahrheit nur eine leere Form, in die jeder beliebige In! alt hineingepiesst werden kann? Ich glaube, der 7. K. T. wird an diesen Fragen nicht vorübergehen können. Vorher aber wird man über sie nachdenken müssen, und dazu will dieser Aufsatz eine Art Unterlage bieten. Das in den offiziellen Statuten niedergelegte Programm des B. J. C. ist zunächst in der Tat eine rein formale, äusserliche Begrenzung seiner Tendenz, worüber unten noch gesprochen werden soll. Und doch war den Schöpfern des B J. C. dieses Programm keine leere Form, und noch bis vor ganz kurzer Zeit, sicherlich