Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 6 (Oktober 1907)
- Date
- 1907-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. die starke Minorität auf der ganzen Linie. Das hört natürlich bei einem Proportionalwahlrecht auf; bekanntlich werden hier die Mandate nach Massgabe der. Stimmenzahl verteilt, so dass auch eine kleine Minderheit eine Vertretung erhält. Dies System, das System der Zukunft, hätte für jüdische Gemeindewahlen schon längst gefordert werden müssen; ob es der Fall gewesen ist, weiss ich nicht. DieLiberalen werden es kaum beantragen, geschweige denn durchzubringen suchen; denn sie haben die Mehrheit und könnten nur Mandate einbüssen; es ist ja bekannt, dass die meisten Liberalen nur liberal sichgerieren, wenn sie in der Minderheit sind. Die Konservativen dürften sich aus diesem Grunde, weil sie sich augenblicklich in der Minorität befinden, schon eher dafür erklären. Für uns ist dieEinführung aber eine Existenzfrage. Ohne Proporzwahlen gelangen fürs erste keine Gesinnungsgenossen in die Repräsentanten versammlnng. Leshalb müssen wir von der Stellung der Konservativen unsere Unterstützung abhängig machen. Bis zur Einführung dieses Systems ist es allerdings noch weit. Ganz abgesehen von seiner Annahme durch die Gemeindevertretung, kommt es auch auf die Genehmigung durch die Regierung an. Aber diese Forderuug müssen wir immer und immer wieder erheben, wenn wir nicht daraur verzichten wollen, in den Gemeindeversammlungen Deutschlands für die nächsten DezennienV. J.St.-Politik zu treiben. Haben wir unsereForderung endlich durchgesetzt, so stellen wireigeneKandidaten der »Jünischen Volkspartei* aur. Als »Demokraten* erscheinen wir dann neben den »Konservativen" und „Liberalen" in der Berliner Repräsentanz und hoffentlich bald auch in den Versammlungen aller bedeutenden jüdischen Gemeinden. Selbstverständlich soll diese Partei nicht das Produkt eines bestimmten Sports sein, nicht etwa den Zweck verfolgen, die Anerkennung des Judentums in Deutschland als Nation zu betreiben, was direkt unsinnig wäre; es soll auch ihrem Wesen nach keine jüdisch-politische Partei geschaffen werden, ein , jüdisches Zentrum"/ wie Herr Cassel sagt, selbst wenn wir gelegentlich in der Ostmark eigene Kandidaten aufstellen oder anderswo uns genehme Kandidaturen veranlassen könnten. Nicht gewillt, religiöse Gegensätze noch zu verschärfen, müssen wir vor allem eine Partei gesunden P^ortschritts sein, deren erhabenes Ziel auf die Erhaltung und Fortentwicklung des Judentums gerichtet ist. Ein Punkt unseres Programms sei die Neuordnung des jüdischen Schul- und Bildungswesens durch die Schaffung eines wirklich leistungsfähigen Schulverbandes mit staatlicher Autorität. Wie dies und was im einzelnen zu erreichen ist, das sei einer berufeneren Feder vorbehalten. Ich wollte das Thema vom V. J. St. und der jüdischen Gemeindepolitik einmal angeschnitten haben. Das Wort haben jetzt unsere führenden Berliner. Vorläufig ist ja alles nur erst Zukunftsmusik. Stellt Euch aber einmal vor, wie schön es sich ausmachen würde, wenn auf der Liste der „Jüdischen Volkspartei" als erster Name ,,Dr. Emil Cohnu zu lesen ist! Und denktEuch weiter aus, was sich alles ereignen könnte, wenn die guten Berliner Repräsentanten in die Lage kämen, nun doch noch unsern Emil Cohn anzuhören"! „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen!" Adolf Wolf (München).