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Der jüdische Student · 1907-10-01 · Heft 6 (Oktober 1907) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
4 (1907-1908)
Issue
Heft 6 (Oktober 1907)
Date
1907-10-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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152 Der jüdische Student. reits kombiniert und zu Gesetzen formuliert habe, oder auch, aus persönlichen Gefühlsmomenten, dass der Zustand des und des Körpers (zu dem ich in irgendwelcher organischen Beziehung stehe) unhaltbar ist, d. h., dass die Existenz des Körpers in Frage gestellt ist. Der Selbsterhaltungstrieb, der sich nun in diesem Körper um so kräftiger betätigt, je mehr er sich unterdrückt sieht, verlangt nach einem Ventil, durch das hinaus er arbeiten kann. Der Körper muss also an irgend einer Stelle durchbrochen werden, um verbrauchte Stoffe abgeben und frische aufnehmen zu können. Bei allen Aenderungen, die vorgenommen werden sollen, handelt es sich aber doch meistens nur darum, die Rinde des Baumes — um ein anderes Bild zu gebrauchen — absolut zu erneuern; an Transformationen des Marks, der Wurzeln und des Stammes ist garnicht immer gedacht. Die revolutionären Theorieen, die nicht nur die Schäden unserer sozialen Verhältnisse beseitigen, sondern überhaupt die Grundlageu der bestehenden Gesetze umstürzen wollen, halte ich, mögen sie auch von Juden in erster Reihe aufgestellt worden sein und verfochten werden, doch nicht für spezifisch jüdisch. Besondere historische Verhältnisse, die in das Leben des jüdischen Volkes umgestaltender eingegriffen haben als in irgend einen anderen nationalen Bestand', führten dahin, dass das Streben nach politischer und sozialer Erneuerung in der kräftig pulsierenden, radikalen Theorieen allerdings zugänglichen, Volksseele z. T. sehr extreme Ausdrucksformell annahm. Aber nicht absolute „Assimilation" (restloses Aufgehen und mithin Untergehen) des Bestehenden in den Inhalt der neuen Forderang, sondern „Akkomodation" (Anpassung) ist der Grundton gemässigt radikaler Theorieen. Auf diesen Ton war auch (um ein Beispiel aus der jüdischen Geschichte heranzuziehen) die religiöse Reformbewegung vom Ende des 18. s. und im 19. s. abgestimmt; und wenn trotz der Natürlichkeit und Einfachheit dieses Tones doch eine Disharmonie herausgekommen zu sein scheint, so lag das mehr an den Musikanten als am Instrument; vielleicht aber war die Dissonanz überhaupt nur pure Einbildung, zu der der Raum und die scklechte Akuslik genug Veranlassung boten. Jedenfalls ist es lächerlich, der Reform die rein äusserlicken Beweggründe der beabsichtigten Verchristelung unterzuschieben: es lag die tiefe Notwendigkeit vor, im „Kampf ums Dasein" sich durchzusetzen, tausend fossile Ueberreste in einem Selektionsprozess abzustreifen und so vielleicht nicht gerade als das „Passendste", doch aber immerhin als „Passendes" zu überleben. Dass der Reform versuch, der als Stufe im Entwicklungsprozess des Judentums naturaotwendig war, scheiterte, kam daher, weil man nicht bedachte, dass die Natur keine Sprünge macht und dass sich alle Revolution schliesslich doch in Evolution wird ergeben müssen, nicht zum Schaden des Prinzips. — Eine andere Reformbewegung unserer Tage, der Zionismus, lehrt die Basierung des Radikalismus auf dem Selbsterhaltungstrieb nur noch eindringlicher: hier handelt es sich ja darum, nicht nur geistige Faktoren, sondern auch, und

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