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Der jüdische Student · 1907-10-01 · Heft 6 (Oktober 1907) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
4 (1907-1908)
Issue
Heft 6 (Oktober 1907)
Date
1907-10-01
Page
[Seite] (sequence 7)
Language
German
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Der jüdische Student. 151 eben nicht mehr derselbe, der er vorher war. Zunächst aber und so lange als irgend möglich, d. h. solange als die gegenwirkenden Kräfte nicht stärker sind als die eigenen, hat jeder Körper (dies Wort hier im weitesten Sinne gebraucht) die Tendenz, sich gleich zu bleiben; hier spielt das Trägheitsgesetz von der Beharrlichkeit des Ruhe- und des Bewegungszustandes hinein. Um nun vom Abstrakten der Theorie auf unser Problem überzugehen: das Judentum (d. i. das jüdische Volk — die materiellen und ideellen Elemente, aus denen es besteht) war wiederholt im Laufe der Geschichte in seiner Existenz bedroht von anderweitigen Faktoren, mit denen es nach ehernem Naturgesetz den „Kampf ums Daseins44 aufnehmen musste und aufgenommen hat. Dies Naturgesetz ist, um einen Begriff einzuführen, der mehr als ein verbrauchtes Schlagwort sein soll, *der Selbsterhaltungsbetrieb. Ihn muss man als Prinzip des Konservativismus erkennen und anerkennen. Und noch etwas: er lässt sich nicht weiter auf einen psychologisch niederen Grad zurückführen. Dieser Trieb ist ja der gesamten organischen Welt eigen, Rätsel und Lösung zugleich alles Lebens. Der Zelle eingeboren (oder angeboren) und auch Unsterblichkeitsbedürtnis der Art. Wir haben also im Selbsterhaltungstrieb für die reaktionärkonservative Tendenz die einfachste, die Urformel gefunden, bei der wir stehen bleiben müssen. Man kann einwenden: um die konservative Tendenz auf ein (mehr oder weniger) psychisches Moment wie den Selbsterhaltungstrieb zurückzuführen, hätte es so umständlicher Untersuchung nicht bedurft. Und in der Tat hat die Beweisführung weiter keine Schwierigkeiten gehabt. Und wenn sie doch so ausgedehnt würde, so geschah es weniger, um äusserlich die beiden Teile dieses Aufsatzes gleich lang zu machen, als vielmehr um zu folgenden Ausführungen ein inneres Gleichgewicht zu schaffen. Denn mit der Fixierung des Urmotives der konservativen Tendenz haben wir auch das der radikalen gefunden. Ja, der Selbsterhaltungstrieb hat auch alle die radikalen Kräfte der jüdischen — wie jeder — Psyche in Bewegung gesetzt, vielleicht überhaupt geschaffen. Eigentlich in weit stärkerem Grade, als er die konservativen Triebe entwickelte. Denn der Selbsterheltungstrieb hat wiederum zwei verschiedene Triebskräfte: eine verhältnismässige passive, rein und einfach negative, schädliche Einflüsse abwehrende und eine mehr aktive, wirksame, negierende und zugleich positive Kraft. Und in jedem Radikalismus stecken neben den zersetzenden Impulsen, besser: in ihnen bereits, stark produktive. Es kommt hier garnicht darauf an, von was für einem Radikalismus die Rede sein soll: ob von dem politischen der Sozialisten und verwandter Arten oder von dem religiösen der Reformer; es kommt auch hier zunächst lediglich die theoretische Seite der Frage in Betracht. Ich stehe auf radikalem Standpunkt (radikal im engeren Sinne des Wertes): ich bin überzeugt, sei es auf Grund theoretisch-wissenschaftlicher Erwägungen oder durch eine Reihe von Daten der Erfahrung, die ich mir be-

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