Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 6 (Oktober 1907)
- Date
- 1907-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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150 Der jüdische Student. Untersuchen wir nun also zunächst die erste der beiden fraglichen Kräfte, die konservative Tendenz, auf ihren Ursprung hin. Im Grunde ist die ganze jüdische Geschichte (wenn man sie nicht nur als „Wissenschalt44 vom Leben und Dichten der Piutsänger oder als Beweis für die Wahrheit des Glaubens an die Mission des Judentums auffasst) eine exakte Demonstration für den Inhalt des Begriffes: Konservativismus. Die Tatsache der zweitausendjährigen Existenz des jüdischen Volkes trotz der Diaspora (das freilich viel ältere Volk der Chinesen hat der „chinesischen Mauer44 sein ungeschwächtes Fortbestehen bis heute zu verdanken!) und die Lebendigkeit, mit der konservierende Kräfte im jüdischen Volke wirkten und wirken, sind Beweismittel genug. Es soll hier gar nicht nur von der auf Erhaltung gerichteten Tendenz die Rede sein, die wir auf religiösem Gebiet als „Orthodoxie" zu bezeichnen pflegen: auch die moderne jüdisch-nationale Renaissancebewegung ist ja durchaus konservativ, da sie die Wiedergeburt des jüdischen Volkes erstrebt, also die absolute Reaktion des augenblicklichen Zustandes auf einen anderen, einmal gewesenen und jetzt nicht mehr bestehenden (wobei Reduzierung durchaus nicht gleichbedeutend ist mit einer auf Anachronismus hinauslaufenden Zurückschraubung des Weltenrades). Dass streng logisch Reakth n (Zurückführung auf einen früheren Zustand) und Konservierung (Erhaltung des augenblicklichen evtl. auch bisherigen Zustandes) an sich nicht identisch sind, tut hier um so weniger etwas zur Sache, als in unserm Falle tatsächlich ihre Zielpunkte im Wesentlichen dieselben sind, der Gleichsetzung der beiden Begriffe also nichts im Wege steht. — Unser Problem stellt nun die Frage nach den psychologischen Grundlagen dieses (und eines jeden!) Konservatismus. Auch die besonders von den modernen Uebermenschen verschrieene Reaktion unserer Tage — auf welchem Gebiet auch immer — - hat, sofern nicht ihre Verfechter durch persönliche Gründe und den eigenen Vorteil an die Idee geleimt sind, doch eine starke, innere Berechtigung. Ist man nämlich ehrlich überzeugt, dass die bestehenden Verhältnisse so, wie sie sind, im Grossen und Ganzen gut sind, d. h. der allgemeinen Befriedigung der Nation — um vom allgemeinen Fortschritt der Menschheit zu schweigen — dienen (oder doch wenigstens dienen könnten, wenn die Mittel adäquat wären), so wird man selbstverständlich konsequenterweise diesen Bestand auf jede Weise zu erhalten suchen. Sich spezifisch zu erhalten, darauf kommt es eben an, gegenüber den tausend wechselnden, zersetzenden Einflüssen der Umgebung sich mit seiner Eigenart durchzusetzen. Es durchweht alle theoretischen Grundlagen önd alle Erscheinungsformen der Reaktion, des Konservativismus etwas von dem Geist des höchsten, die Natur beherrschenden Substanzgesetzes. Es soll nichts verloren gehen, nichts von der Summe des Stoffes undnichts von der Summe der Kraft, wie ja denn auch im Grunde nichts verloren gehen kann, d. h. geht doch etwas bisher dem und dem Körper Zugehöriges für ihn verloren, so ist dieser Körper