Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 6 (Oktober 1907)
- Date
- 1907-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 149 Arbeit Moses's und die so oft zum Durchbruch kommende reaktionäre Gesinnung der Israeliten vor ihrer politischen Selbständigkeit; der geniale Gedankenflug und die bannbrechende Tätigkeit der Profeten mit ihren neuen religiösen Idealen und ihr ständiger Kampf mit dem lieber die alten Geleise austretenden Volke; der erbitterte Widerstand, den Esra bei seinem Reformwerk fand; die ganze hellenistische Periode; in gewissem Sinne auch die Tendenzen der Karäer u. a. m. — um von den Parteispaltungen auf religionsgesetzlichem Gebiet in der talmudischen Zeit abzusehen — sind, jedes in seiner Art. weitere Belege. — Aber auch der einzelne jüdische Charakter weist Schattierungen auf, die im Kleinen jenen beiden Massenimpulsen genau entsprechen. Man findet im Individuum oft eine, nicht nur auf Pietät gegen die Eltern, zurückzuführende Zähigkeit, im Festhalten alter Anschauungen, die um keinen Preis aufgegeben werden würden, und eine beschränkte Beharrlichkeit, zu der der Freigeist, dessen sich der gleiche Mensch immer gern rühmt, und seine „moderne "Weltanschauung" (die im Grunde mit allem bereits gebrochen hat) nur in einem sehr schiefen Verhältnis steht. Jedenfalls, die Tatsache des Nebeneinanderlebens der beiden divergierenden Kräfte steht fest, und es drängt sich nun die Praffe auf nach dem Grund für die Möglichkeit einer Vero ~ einigling von zwei konträr entgegengesetzten psychischen Charakteren, die sich doch gegenseitig auszuschliessen scheinen. Das Problem kann seine Lösung nur in einer Richtung suchen und finden; es muss einen — psychisch verhältnismässig primitiven — Charakterzug geben, a\is dem heraus sich die beiden extremen Tendenzen entwickelt haben, eine jede in ihrer Richtung je aus l estimmenden äusseren Veranlassungen. Dass ein einfacher gedanklicher Inhalt der Ausgangspunkt für zwei sekundäre Begriffe geworden ist, die sich beide von ihm leicht ableiten lassen, mit einander aber in absolutem Gegensatz stehen, ist ein auch auf anderen Gebieten geistiger Entwicklung zu beobachtender Prozess. Die Sprachwissenschaft z. B. hat den Ausdruck: „vox media" geprägt für einen Begriff, der die Mittel-, d. i. also die ursprüngliche Bedeutung und dann auch die Inhalte zweier entgegengesetzter Bedeutungen involviert.*) Um die Auffindung einer „vox media" handelt es sich aber auch bei unserer Frage: es ist eine psychologische Notwendigkeit, die gemeinsame Formel zu finden, auf die sich die beiden zu behandelnden Rassencharaktere gleicherweise zurückführen lassen; denn die Einheit des psychischen Lebens eines Volkes und des Einzelnen ist die Grundvoraussetzung für das tiefere Verständnis komplicierter Seelenzustände; das Harmonische, sagt Bölsche einmal, hat eine Chance mehr als das Disharmonische. *) So gibt es im Arabischen eine Verbal Wurzel ragiba, die den Grundbegriff des Strebens enthält. Je nach der Konstruktion heisst nun das Yerbum mit der der Präposition fi: wollen, begehren (-streben nach — hin), mit an: nicht wollen (-streben von —r weg).