Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1907)
- Date
- 1907-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 81 Lunge wären, wenn sie uns fehlten. Und doch wissen wir: Jedes Teilchen in uns, das dem Deutschen gehört, wird dem Juden entzogen, der eine gewinnt, was der andere verliert. Welche Wege wir gehen sollen, wage ich nicht zu entscheiden. Es gibt zwei Möglichkeiten: Sich taufen zu lassen und völlig im Deutschtum aufzugehen (schon die Enkel würden in den meisten Fällen, eine Mischehe vorausgesetzt, gesellschaftlich zu Vollariern gezählt werden und sich als solche fühlen), oder den Zionismus zu wählen. — Die dritte, sich zwischen beiden, mit wachsamen Augen nach rechts und links spähend, glücklich durch alle Engpässe hindurchzuschlängeln, ist eigentlich keine Möglichkeit. — Zum völligen Verschwinden glauben wir uns doch zu lebenskräftig und würden wohl auch daran gehindert, sobald die Deutschen einen Massenübertritt befürchten müssten. Nur die Errichtung des jüdischen Volkstums kommt also in Frage. Mit soldatischem Drill ist da nicht geholfen. Wir können wohl jüdische Versammlungen besuchen, jüdische Bücher lesen, jüdischen Vereinen angehören, — immer bleibt vieles hängen. Wenn uns morgen vergönnt würde, in Palästina ein neues freieres Leben zu beginnen, es ginge uns wie Mose: Schauen dürften wir das gelobte Land, aber hinüber gelangten wir innerlich nicht. Eine Hoffnung bliebe uns dennoch: Unsere Enkel würden besitzen, was wir ersehnten. Hebräische und nationalökonomische Kurse im V.J.St. Von Leopold Ambrunn (München). Im folgenden will ich zu den positiven Vorschlägen Kirschners, die in dem in No. 1 und No. 2 veröffentlichten Vortrag enthalten waren, kurz Stellung nehmen. Zur 1. Forderung Ks., dass wir intensiver und gediegener arbeiten müssen. „Wir müssen die Bibel kennen und verstehen." Ganz richtig. Aber man muss auch die geeigneten Leute haben, die den andern lehren können die Bibel zu verstehen. Und die haben wir eben nicht in allen K. V. K- V. fabgesehen von Berlin). Die Sache ist doch so: Abgesehen von den Orthodoxen oder orthodox erzogenen, die sich in unseren Reihen befinden, haben die meisten gar keinen oder wenigstens nur sehr mangelhaften hebräischen Unterricht genossen. In Norddeutschland wird ja teilweise überhaupt kein obligatorischer Religionsunterricht erteilt, und in Bayern wird zwar in den Religionsstunden neben viel anderem auch Hebräisch gelehrt, aber dieser hebräische Unterricht ist auch danach. Man fängt bereits als junger Mann von 6 Jahren in der Volksschule an, das 1. Buch Mosis zu übersetzen, und nach 13jährigem Schulbesuch in der Oberprima, übersetzt man immer noch das 1. Buch Mosis, und wenn die Gymnasiasten das Abiturium machen, können sie zwar Griechisch,