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Der jüdische Student · 1907-06-01 · Heft 3 (Juni 1907) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
4 (1907-1908)
Issue
Heft 3 (Juni 1907)
Date
1907-06-01
Page
[Seite] (sequence 8)
Language
German
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80 Der jüdische Student. bekanntes Witzblatt stellte nun die Verhandlung dieses Streites dar: Im Hintergrund ziemlich undeutlich Richter und Beisitzer, vorn Kläger, Angeklagter und die Zeugen, die drei letzten Gruppen ausgesprochen jüdische Karikaturen. Darunter stand, ich glaube wörtlich: „Die Berliner Oermanen retten die deutsche Kunst". Schärfer kann der Zwiespalt, der darin liegt ,ein Jude zu sein, kaum beleuchtet werden. Vom Ghetto Jahrhunderte lang zermürbt, stürzen wir uns jetzt voll froher Zuversicht auf das Deutsche, das wir lieb gewonnen, in das wir uns beinahe vollkommen eingefühlt, und müssen erkennen, dass wir nie, nie „dazu gehören'4. Eine zähe Schranke wird uns von aussen gesetzt und macht es unmöglich, die Mauern in uns niederzureissen. Denn auch da finden sich starke Widerstände, der Jude ist nicht von heut auf morgen totzuschlagen, das Ghetto hat den Stamm zu lange verkettet. Wenn nun zwischen Juden und Deutschen dasselbe Verhältnis bestände wie etwa bei den Deutschen in Amerika, so könnten wir uns vielleicht geräuschlos anpassen, leise die gröbsten Verschiedenheiten abschleifen und allmählich mehr als nur „Staatsbürger" sein. (Die Betonung des „Jüdischen Stammes" müsste dann freilich in der Versenkung verschwinden.) Aber jetzt: die alte Form ist zertrümmert, eine neue noch nicht gefunden. Wir fühlen im Germanen das Fremde, ewig Ferne, im Juden nicht die Heimat. Den einzig sichtbaren Weg zeigt der Zionismus, eine äussere Grundlage zu schaffen, um die innern Bedingungen für ein wirkliches Volkstum hervorzubringen. Wir empfinden vorläufig nur die Logik, die Notwendigkeit dieses Gedankens, aber wir empfinden auch, dass er ein Haus ist, das uns schützt, eine Kraft, die uns auf sichern Boden tragen kann, fort von dem schwanken Moorgrund, auf dem wir stehen. An diesem Punkte bin ich bei meiner Frage. Sollen wir deutsche Kulturwerte in uns pflegen oder unterdrücken? (Ich wiederhole es: Deutsche Werte bedeuten uns nicht dasselbe, wie die anderer Völker, sie umklammern uns mit viel engerer Gewalt.) Da wir den Zionismus, die Errichtung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte, eines jüdischen Vaterlandes als das Rettende in dieser Wirrnis erkannt haben, müssen wir in uns vorbauen für die Zukunft, dass der Volksgedanke aus seinem Schlummer geweckt werde. (Er kann einschrumpfen, wenn wir uns rechte Mühe geben.) Einer meiner Bundesbrüder schlug eine vorsätzliche „Verjudung" vor. Bewusstes Abstreifen alles Deutschen, sogar irgend welches engeren Verkehrs, Aufgehen im Judentum, Erlernung der hebräischen Sprache . . . Ach, könnte ich's nur glauben! Wir, die Jungen, die kein Ghetto äusserlich mehr hemmt, die die Augen nicht gewaltsam schliessen wollen und tief in die Welt hineingedrängt werden, in die sie durch die Geburt gestellt sind, wir vermögen das nicht. Wir sehen uns deutsche T heaterstücke an, streiten uns über deutsche Kunst, treiben deutsche Politik, unsere Dichter machen deutsche Gedichte, (an denen im besten Falle, abgesehen von der wirklich geringen „jüdischen Note", nur der Stoff jüdisch ist), und das Jüdische bleibt uns allerhöchstens ebensoviel wie das Deutsche. Wir pflegen deutsche Kulturwerte, fast ohne es zu wollen, weil wir sie pflegen müssen, weil wir Menschen mit halber

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