Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1907)
- Date
- 1907-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 79 fasste mich (den jüdisch Erzogenen) zu werden wie sie, als ein deutscher bodenständiger Mann etwas zu leisten, mir deutsche Achtung durch mein Wirken zu erzwingen. Die deutsche Sprache hielt ich und halte ich für eine der ausdrucksfähigsten und innerlich reichsten überhaupt, das germanische Volk erscheint mir noch heute als eins der genialsten,.die je gewesen sind. (Über das „auserwählte Volk" dürfte kaum noch ernsthaft zu reden sein. Die Juden haben, ausser Mose, Jesus, Spinoza, nicht Genies von der Grösse und Zahl der germanischen aufzuweisen, wenn sie auch durchschnittlich vielleicht begabter sind. Und soll darin ein Wunder gesehen werden, dass sie sich fast 4000 Jahre trotz unsäglicher Bedrückungen erhalten haben, so weiss ich nicht, ob die Geschichte der Germanen als ein erheblich kleineres Wunder erscheinen kann. Dies Volk, das die Völkerwanderung völlig zersprengte, dessen kräftigste Zweige, die Ost- und Westgoten, dann fast bis zum letzten vernichtet wurden, hat mit einer erstaunlichen Kraft sich über ganz Europa ausgebreitet, das gallische, englische, die nordischen Reiche errichtet und in Deutschland selbst trotz seiner Jahrhunderte dauernden politischen Unfähigkeit und Zerrissenheit, trotz Fremdendienerei und Bruderhass einen neuen gefestigten Staatenverband gegründet, der in seiner mächtigen Entwicklung durch nichts behindert werden kann.) Ich halte es für durchaus falsch, das Lesen irgend eines meinetwegen englischen Schriftstellers mit dem eines deutschen irgendwie zu vergleichen und etwa beides in den Rumpelkasten „Allgemeine Bildung" zu stecken, wie es jüngst Herr Lilienthal in seiner Anklageschrift gegen Dr. Emil Cohn getan hat. Mit andern Augen lese ich Dickens, mit andern Reuter. Die nur aus englischen Verhältnissen zu verstehende Schreibart des einen hat allerdings für mich eine, wenn man so sagen soll, „rein literarische" Bedeutung. Ich freue mich, durch die Brille dieses Schriftstellers einmal die Welt zu betrachten, bewundere seine Fähigkeit zu erzählen und zu beobachten, lache über die sonderbaren Käuze, die er mit seinem etwas breiigen Humor vorführt, und schätze den Einblick in englisches Wesen, den seine Werke vor allem geben. Bei Reuter aber bin ich ungleich stärker beteiligt. Seine Menschen sind deutsch, sein Land ist mein Land, seine Art strömt auf mich viel stärker über, nicht, weil er grösser wäre als der Engländer, sondern weil er mir ganz anders verwandt ist. Die grössten Briten, wie Shakespeare, machen freilich eine Ausnahme, in ihnen kommt das Germanische, mir Gehörige, so stark zum Ausdruck, dass dahinter die besondere Landesart fast verschwindet. Wer einmal an den Quellen der Grossen dieser Rasse getrunken hat, kommt von ihnen gewiss nicht mehr los, sie drängen sich in ihn ein, und mit ihrem Masse gemessen, droht die „Jüdische Kultur" vollends zu versinken. Und doch gibt es eine „Jüdische Kulturgemeinschaft", die schon deshalb (und fast scheint mir: vor allem deshalb) nicht geleugnet werden kann, weil sie von den Deutschen als Fremdkörper anerkannt und danach behandelt wird. Vor nicht allzu langer Zeit führten zwei jüdische Kunstkritiker gegen einander einen Prozess, in dem es sich hauptsächlich um Fragen des künstlerischen Empfindens drehte. Ein