Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1907)
- Date
- 1907-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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60 Der jüdische Student. so ergangen wie dir, als ich noch eben so jung war. Aber komm'' lasse uns nicht traurig sein. Fassen wir Mut. Einst wird's besser. — Und wie der jüdische Student das hörte, da stürzte er sich ihm an die Brust und weinte an dem starken Manne seinen Schmerz aus und verschrieb sich ihm mit Leib und Seele. Man mag dem Studenten nachsagen, was man will, eins muss man ihm lassen: Lieben kann er. Und sich zu begeistern versteht er auch. Nirgends vielleicht wird das Andenken Herzls so verehrt, wie unter seinen studentischen Partisanen. Es erging ein Ruf unter den jüdischnn Studenten, dass alle, die sich als bewusste Träger des jüdischen Volkstums fühlten, zu Vereinigungen zusammentreten sollten. Das sind die bekannten Vereine jüdischer Studenten. Ihnen kann jeder Jude angehören, der sein Volkstum nicht verleugnet. Religion ist ihnen Privatsache. Doch wird garantiert, dass auf orthodoxe Gefühle alle Rücksicht genommen werde. Insgesamt wollen sie „die jüdische Studentenschaft zu eifriger Anteilnahme am jüdischen Leben erziehen und sie mit dem geistigen Rüstzeug ausstatten, um zu wissenschaftlichen, politischen und sozialen Fragen innerhalb des Judentums Stellung zu nehmen." Ich habe mich im nun vergangenen Semester viel mit diesen Vereinen beschäftigt. Sie sind mir sozusagen Schmerzenskinder geworden. Im Geiste überflog ich nochmals all die Kämpfe, die ich gerade die letzten Wochen gegen sie geführt. Hatte ich damit Recht gehabt? Jeder Kampf ist grausam und darf nur aus zwingenden Gründen geführt werden. Und nun gar erst diese Kämpfe. Ist es Recht, einen mondscheinsüchtigen Nachtwandler, der auf dem Rande des Daches mit sicherem Vertrauen wandelt, anzurufen, dass er aus dem Traume erwacht und jählings abstürzt? Und ist denn nicht diesen Menschen die Idee des jüdischen Volkstums, aber losgelöst von dieser Religion, ein solcher wohltätiger Schleier vor den Augen, der sie den Abgrund nicht sehen lässt, an dessen Hängen sie schreiten? Und ewig wird mir das schmerzliche Antlitz vor der Seele stehen, mit dem einer von ihnen von mir nach langer Unterhaltung schied. Er streckte mir die Hand entgegen und drückte dann krampfhaft die meine und sprach: Sie haben Recht, was soll ich's länger bestreiten. Unsere ganze Vergangenheit ist eine durch und durch von der religiösen Idee beherrschte. Unsere ganze Kultur eine durch und durch religiöse. Oede und wüst wie der Gipfel des Sinai, ist auch unser Volkstum, wenn der Herr aus seiner Mitte geschwunden. Und all das, womit wir, abgesehen von der Religion, den Begriff des jüdischen Volkstums und der jüdischen Kultur ausfüllen, ist doch nichts als von allen Völkern der Erde zusammengeraffter Flitter, kaum ausreichend, über die kahle Leere hinwegzutäuschen. Nationalität und Religion, sie gehören nach unserer ganzen Vergangenheit zusammen wie Körper und Geist. Ist der Geist entflohen, ist der Körper eine elende Leiche. Wir hatten keinen Staat gründen können, wie die Römer. Hatten keine Blüte der Kunst wie die Griechen: Nichts konnten wir der Welt