Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1907)
- Date
- 1907-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 59 gegnerischen Richtung der Berliner V. J. A.; vormals war er in gleicher Eigenschaft in Strassburg für die jüdische Sache tätig. Ich muss gestehen, stilistisch ist der Aufsatz sehr gut, an Ideen reich. Wir fahren von Berlin nach Frankfurt, sehen den Harz, fühlen den Sturm und frösteln beim Anblick des Schneewetters. Ausser Herrn Breuer tritt noch ein Goi auf, isst treifene Würstchen, bietet auch Herrn Isaak Breuer solche an. Dieser lehnt sie „unter Hinweis auf eine auferlegte Diät" ab. Der Goi sollte doch nicht erfahren, dass dieser „urdeutsche" Jüngling ein Jude ist. Ausser einigen schönen Worten über den studentischen Antisemitismus finden wir auch Gedanken über Heine. Doch mehr als all' dies interessiert uns die Ausführung des V. J. A.ers über den V. J. St. Wir wollen sie natürlich wiedergeben: „Und plötzlich musste ich an Theodor Herzl denken. Wieso das eigentlich kam, weiss ich noch heute nicht. Aber deutlich sah ich ihn vor mir, so, wie ihn des Künstlers Hand festgehalten: Ueber die Brücke lehnend, schaut er sinnenden Auges in Vater Rheins wogende Flut, ernst, vielleicht sogar ein bischen traurig, und so fremd, als wunderte er sich selber, wie er denn eigentlich so weit verschlagen, da seine Heimat so fern, so meeresfern — — Armer Herzl! Du warst wirklich kein Phantast, wie die dummen Leute meinen, aber ein Seelenkünder warst du, wie er selten auf Erden gewandelt, ein Dichter von Gottesgnaden, der sich zum Munde gemacht für die Qualen Tausender Seelen und ihnen so wahr, so typisch wahr Worte verlieh, dass sie sich alle freudig zu ihm bekannten, weil sie in ihm sich wiederfanden. Wunderbarer Lauf der Geschichte! Aus den Niederungen des menschlichen Herzens steigen stets Dünste empor und ballen sich zusammen zu trüben, schweren Wolken und lagern gar schwer und drückend auf ihm: Da fährt der Blitz des Genies dazwischen und entlädt, was in ihnen war an elektrischer Spannung der Leidenschaft, und erleichtert atmen die Menschen auf und ihrem Auge entströmt das erlösende, befreiende Nass. Ein Genie war Herzl. Nicht wegen der Art, wie er die Judenfrage lösen wollte. Die wird der lösen, der sie gestellt hat. Aber weil er der providentielle Mann war, der als erster seit den Tagen der Emanzipation in seinem Kreise es aussprach, dass wir noch immer nicht glücklich sind, unser Blick, wenn er freudig aufleuchten soll, sich immer noch in die Zukunft tauchen müsse. Tief hat er das Weh, des von seinen deutschen Kommilitonen verratenen jüdischen Studenten erfasst und wie ein liebevoller Vater hob er ihn zu sich empor, streichelte ihn, wischte ihm die Tränen aus dem Auge und sprach zu ihm mit einer sanften guten Stimme: Lass ab von den bösen Menschen, die dich immer so quälen und mit dir nicht spielen wollen. Sag', du willst sie jetzt gar nicht mehr. Bist selbst ein vornehmer Prinz, für den es sich gar nicht schickt, anderen nachzulaufen. Nur verzaubert bist du in Knechtesgestalt, du und deine Väter und Grossväter. Hast selbst eine ruhmvolle Geschichte, brauchst nicht neidisch zu sein auf die andern. Es ist mir ja genau