Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1907)
- Date
- 1907-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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56 Der jüdische Student. Frage" berührt, deren Behandlung man in meinem Vortrag sehr vermisst hatte. Natürlich: denn davon wollte ich gar nicht sprechen, einmal, weil das einen Vortrag für sich ausgemacht hätte, und dann, weil ich „prinzipiell" gegen Kletten bin. Ich habe mich auch in der Debatte scharf gegen diese Forderung ausgesprochen, nicht weil ich gegen die Freundschaft überhaupt bin, sondern weil ich gegen die Freundschaft bin — aus Freundschaft! Denn man achte wohl darauf: es wurde nicht als Ideal des Verhältnisses der Bbr. Bbr. zueinander Kollegialität, sondern „Freundschaft" gefordert — „Freundschaft"! Offenbar ohne zu wissen, was Freundschaft ist! Denn Freundschaft kann es nur geben zwischen zwei Menschen auf der Erde, zwischen einem Mann und einem Mann oder zwischen einem Mann und einem Weibe; was darüber ist, ist vom Uebel! Ausgedehntere „Freundschaft" nannte ich Waschlappenfreundschaft! Darum können im Verein vielleicht zwei mit einander „befreundet" sein; alle mit allen aber — hoffe ich — nie! Wer das Wortklauberei nennt: habeat sibi! — Aber ich denke, auch ohne solche „Freundschaft" wird erreicht werden können, was als Ideal den besten unter uns vorschwebt: Die Erziehung zu Elitecharakteren, wie es an dem Abend meines Vortrages genannt wurde. Durchs Judentum zum Menschentum — und durchs Menschentum zum Judentum! Charaktere aber sind nicht nur auf Fühlen und Wollen basiert, sondern auch — und gerade — auf Denken! Sie orientieren sich also nicht nur.an sentimentalen und ethischen Momenten, sondern auch sehr stark an logischen, oder, im weiteren Sinne, an intellektuellen. In diesem Sinne also denke ich mir die Charakterausbildung auch angewiesen auf das Mittel der Erwerbung von Wissen, Und in diesem Sinne erhoffe ich sie für die V. I. St.-er von einer Vertiefung ihres jüdischen Wissens. Im übrigen möchte ich bei unseren Tendenzen zur Schaffung von Charakteren im Hinblick auf deren Grundlagen ebenso vor einer Charakterfexerei warnen, wie ich vorhin in Bezug auf die „gemütliche" Erziehung Gefühlsdusel abgelehnt habe. Ich weiss wohl, dass ich viel und liebevolle Arbeit verlange, aber ich glaube, sie kann geleistet werden. Ich glaube, sie muss es sogar! Freilich, wir brauchten noch eins sehr nötig, und das wäre eine Aenderung unseres Keilsystems. Wir sind, scheint mir, zu sadistisch veranlagt. Solange wir jeden nehmen, der sich uns auf den ersten Hieb in die Arme wirft, wird's kaum anders werden. Wir sollten weniger auf Quantität als auf Qualität sehen. Wir betteln viel zu sehr um den Eintritt. Wir sollten es so machen, wie es die Bestimmung jüdischer Sitte ist, wenn jemand zum Judentum übertreten will: man hält ihm vor, was er alles zu beobachten haben wird, und prüft so seine Willenskraft und Aufrichtigkeit. Das ist ja nun allerdings für einen Studentenverein nicht gerade verlockend und dürfte auch mit unseren propagandistischen Zwecken disharmonieren: ich meine es auch nicht so schroff; jedenfalls dürften wir ruhig wählerischer sein in der