Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 1 (April 1907)
- Date
- 1907-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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38 Der jüdische Student. Nacht, heilige Nacht" noch zugeben will!); denn die Melodie jener drei Nationalhymnen ist für mein musikalisches Empfinden ziemlich banal und nichtssagend; auch werden ja nach diesen Weisen die Nationallieder vieler anderer Völker gesungen! Nein, es ist hier der Geist, der aus den Liedern in mich strömt, die persönliche Anteilnahme am Inhalt des Gesungenen, dessen bestimmendem Einfluss ich mich eben doch nicht ganz entziehen kann. „Schorn bim'kaum arozim" — „Dort, wo die Zeder schlank die Wolke küsst" wirkt inhaltlich schon nicht so auf mich: ich kenne das Land nicht, das besungen wird, und finde das Gedicht in seiner poetischen Komposition nicht einfach genug, um von alleine wirken zu können: man merkt die Absicht und man wird verstimmt! Die Tendenz ist zu dick aufgetragen, das Lied ist für mich nicht ingenuin genug.-- Ich könnte wohl noch andere Aeusserungen dieses deutschnationalen wie überhaupt des kontrajüdischen Gefühlslebens mitteilen, aber es kommt darauf zunächst nicht an. Auf diese beiden unjüdischen Strömungen im Seelenfluidum aufmerksam gemacht und ihre mutmasslichen Quellen aufgedeckt zu haben, ist ... . wichtig genug. Ein Strick darf denen, die jene Stimmungen erleben, daraus nicht gedreht werden; denn alle Selbsterziehung kann wohl Schwächen des Charakters beseitigen, niemals aber die Naturanlagen der Seele aufheben. Die christlich - deutsche Gesinnung in mir und in vielen von euch, liebe Bundesbrüder, ist eben eine Golusblüte, eine von vielen!" So hatte ich damals geschrieben. Natürlich zunächst aus einem rein persönlichen, allersubjektivsten Gefühlsleben, Gefühls-Erleben heraus, dann aber doch schliesslich auch in dem Bewusstsein, mich mit vielen V. J. Stern, eins zu wissen. Wäre das nicht der Fall und sähe ich nicht in dem ganzen Erleben eine gewisse Tragik, so würde ich ja auch heut nicht darüber sprechen. Denn, da doch der Begriff der Tragik eben die Existenz eines Konfliktes zwischen Freiheit und Notwendigkeit erfordert, bleibt der Widerstreit der Gefühle auch bei uns nicht aus. Es lebt und webt natürlich in uns allen, glaube ich sagen zu dürfen, auch eine sehr starke jüdische Seele, deren Melodie eben uns meistenteils von anderen übertönt wird. Aber das jüdische Bewusstsein klingt als Unterton auf der Basis unseres Empfindungsinstrumentes, und wird die jüdische Saite genügend stark angeschlagen, so erweist sie schon ihre Klangfähigkeit. Und es gibt keine Harmonie zwischen der jüdischen und der christlich - deutschen Seele in der Weise, dass sie beide gleich stark erklingen; die, die den besseren Resonnanzboden hat, klingt natürlich lauter. Nicht als ob ich von einem Menschen verlangte, dass sein Gefühlsleben ganz glatt sich analysieren liesse, wie ein Recbenexempel aufgeben muss: ich bekenne mich nur zu sehr zu Conrad Ferdinand Meyer, der einmal sagt: ich bin kein glatt beschrieben Buch, ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch. Nur aber meine ich, die Gefühlsschwankungen dürfen