Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 1 (April 1907)
- Date
- 1907-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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37 konsequent aus den Tatsachen unserer Geschichte Lehren gezogen haben für uns und die junge Generation! Dass wir immer wieder durch unglückliche und misslingende Assimilationsversuche den Fluch der Lächerlichkeit auf uns gewälzt haben. Aber es ist nun so! Ich rede gar nicht von den Gefühlen des Stolzes, die mich erfüllen, wenn ich im Ausland bin und dort als Deutscher figuriere, als Deutscher geachtet bin, lobende Urteile über Deutschland höre und deutsche Einrichtungen denen des Auslandes weit überlegen finde. Solche Gefühle sind immerhin noch, wenn sie auch weit tiefer begründet sind, als im blossen staatsbürgerlichen ßewusstsein der juristisch - politischen Zugehörigkeit zum Deutschen Reich, vielleicht mehr negativer Natur und doch hauptsächlich auf Rechnung zu setzen einer oft zu beobachtenden, verinnerlichteu Anhänglichkeit des Einzelnen in der Einsamkeit an ein Ganzes, dem er sonst mehr äusserlich verbunden ist. Aber zu Hause selbst überkommt mich oft eine namenlose Liebe für das „Deutsche". Auch hier spielen Schuleindrücke scharf mit hinein: die deutsch-nationale Erziehung in deutschen Schulen ist ja natürlich viel bewusster und gewollter als die im christlichen Geiste. Ich hatte einen Lehrer, der mich fast durch alle Klassen begleitete und der zwar sehr wenig deutsche Grammatik durchnahm, aber dafür umsomehr von seinen Wanderungen durch Deutschland erzählte. Stunde um Stunde wurde uns in der Seele das Bild, das er von den Schönheiten des deutschen Bodens malte, farbenreicher; es war nicht mehr die Liebe zum Boden überhaupt, zur Natur mit all ihren Schönheiten, die jener Lehrer verständnisvoll in uns weckte, sondern er schuf und formte eine Anhänglichkeit an das deutsche Land. Und ich glaube, wer auch nicht das Glück hatte, in seinen Schuljahren einen so saftigen, lebendigen, von allem Bücherstaub gesäuberten Unterricht zu geniessen, dem haben Ausflüge aus der Stadt aufs Land und Reisen die Liebe zur Heimaterde eingepflanzt. Zur Heimat und zu all der Kultur, die sich uns nur schon im Gedanken mit dem Worte: „Heimat" verknüpft. Heimat — das ist nicht das Land, in dem ich bin, sondern das, von dem ich bin und wohl auch für das ich bin. Heimat — das ist ein Stück von mir selber! Und diese Liebe zum Boden ist eben ein sehr starkes Element des spezifisch-nationalen Bewusstseins! — Und den hundert nationalen Schulfeiern habe ich es auch zu danken (ich meine: zu verdanken!), wenn auch sonst noch manch deutsch-nationales Gefühl (nicht der oberflächlichen Einbildung!) in mir lebt: zwar kann ich heute nicht mehr mit derselben Begeisterung, wie in den Schuljahren, in ein Hoch auf das Deutsche Reich miteinbrüllen, aber es ergreift mich noch tief in der Brust, wenn ich in einer grossen Versammlung aus ernster Männer und Frauen Kehlen Nationallieder wie „Ich bin ein Preusse" oder „Heil Dir im Siegerkranz" oder „Deutschland, Deutschland über alles" höre. Hier kann es doch wirklich nicht die Musik sein, die mich mit Weihe erfüllt (was ich bei den Andachtsgefühlen beim Anhören eines Liedes wie „Stille