Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 1 (April 1907)
- Date
- 1907-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 39)
- Language
- German
- Belongs to
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39 nicht so eminent sein, dass sie jede Möglichkeit einer Harmonie divergierender Empfindungen und Stimmungen ausschliessen. Ich bin scheinbar von dem Faden meiner Ausführungen abgekommen, aber im letzten Grunde gehört das alles zum Thema. Ich wollte zeigen, dass auch unser national-jüdisches Bewusstsein auf vorläufig recht schwachen Füssen steht, und dass wenn der Wille zur Nationalität ein wesentliches Merkmal für diese ist, unser Wille eine ziemlich deutsch-nationale Tendenz hat, haben muss, oder dass, wenn wir mit Herzl das Volksbewusstsein als auf der Erkenntnis der Zusammengehörigkeit durch geschichtliche Umstände und des Zusammengehaltenwerdens durch einen gemeinsamen Feind beruhend bestimmen, diese Erkenntnisse eben gerade dann auch einem deutsch-nationalen Bewusstsein zugute kommen. Und ich scheue mich nicht, es einmal offen auszusprechen, dass ich nur mit einem unsagbarem Gefühl der Verachtung und wohl auch mit ein wenig schamvoller Bitterkeit auf einen deutschen Juden herabblicken kann, der die Sprache spricht, die Luther geschaffen, Lessing und Goethe geformt, Richard Wagner vertont hat, und der sich heuchlerischer Weise freisprechen will von deutschen Volksgefühlen, der sich nicht entblödet, sich als „Todfeind des christlich - deutschen Gefühls" hinzustellen. Oder — er hat die tatsächlich nicht — dann ist es eine so erbärmlich niedere, klobige Seele, dass ihr auch jüdisch-nationale Gefühle und Strebungen fern sein müssen; d. h. dass sie sich überhaupt nicht zu nationalem Empfinden aufschwingen kann. Ich bitte, mich nicht misszuverstehen. Ich rede den deutschen Empfindungen in uns nicht das Wort in dem Sinne, dass ich sage: wir müssen sie um jeden Preis erhalten, pflegen, verinnerlichen: ich sage lediglich: wir haben sie, es ist natürlich, dass wir sie haben, es wäre unnatürlich, wenn wir sie nicht hätten; man darf sie nicht ableugnen! das sage ich nur. Ich könnte auch sagen: es ist tief bedauerlich, dass es so kommen musste, es ist im höchsten Grade traurig, dass wir die Reinheit unserer jüdischnationalen Empfindungen verlieren mussten: die Beurteilung schliesst meine obige Feststellung der Tatsache nicht aus. Nein, ich bin zu tief überzeugt von der heutigen Aufgabe der Pflege unserer uralten, spezifischen Nationalempfindungen, als dass ich sie preisgeben möchte. Diese meine Ueberzeugung hat mich ja schliesslich hier in den V. J. St. gebracht, heute hierher gestellt. Ich will nur, dass auch die grössten Deutschenhasser und die begeistertsten Nationaljuden einsehen, wieviel Fremdes — und doch so Eigenes in ihnen steckt, wie tief wir doch noch im Golus sind; dass sie sprechen und empfinden lernen: zwei Seelen, wohnen, ach, in meiner Brust . . . (Schluss folgt.)