Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 1 (April 1907)
- Date
- 1907-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Der jüdische Student. Wochentag einmal die Grossstadt verlässt und sich in den Gottesfrieden der Natur zurückzieht. Auch die Einwirkung des Glockenspiels, das ja im Grunde mit christlicher Weltanschauung nichts zu tun habe, sei nur die Erregung weihevoller Gefühle, wie sie aber so innig jede andere Musik hervorzaubern kann. Aber ich bestreite die Richtigkeit, der Zurückführung dieser Gefühle auf so allgemeine Momente wie „religiöse Stimmungen". Es steckt etwas Christliches, oder sagen wir besser: „Christelndes" darin. Und ist es ein Wunder? Wer wie die meisten von uns zwölf Jahre lang auf dem Gymnasium oder einem ähnlichen Institut die Segnungen der sog. paritätischen Schule an der eigenen Seele erfahren hat, wer zwölf Jahre lang in der Schule christliche Festfeiern mitgemacht hat, auch in manchen der sog. wissenschaftlichen Disziplinen in christlichem Sinne erzogen wurde, ca. fünfhundert Mal den Sonntag als Erholungstag eine ganze Woche herbeigesehnt und dann gefeiert hat und wennmöglich noch am Montag früh (oder schon am Sonnabend Mittag) bei der Schulandacht sich mit christlichen Glaubenslehren hat vollsaugen müssen — soll dem nicht ein kräftig Stück Sonntagsweihe auch später hin haften bleiben? Zwölf Jahre lang gehen nicht spurlos in der Entwicklung eines Menschen an seiner Seele vorüber, ihre Einwirkungen sind noch lange wie tiefe Einschnitte erkenntlich. Darüber hilft und tröstet keine noch so wissenschaftliche Aufdeckung von Rasseunterschieden auch in phychologischer Beziehung hinweg; auch nicht der Vorwurf der unwürdigen Selbstvergessenheit, der Vernachlässigung des eigenen nationalen Seelenlebens, der Untreue gegen den von den Vätern her geheiligten Glauben und wie sie sonst noch alle heissen mögen. Hier gilt doppelt das Wort: Tout comprendre, c'est tout pardonner. Und wer solche Stimmungen nicht verstehen will, kann entweder nicht dafür oder ist böswillig genug, bewusst oberflächlich zu denken. Aber trotz allem: verstehen und verzeichnen ist deshalb noch lange nicht: für gut halten. Bedauerlich ist der Zustand jedenfalls, ja im tiefsten Grunde tragisch! Und ich kenne noch ein Gefühl, das sich eigentlich mit unserem positiv-jüdischen Programm gar nicht vereinigen lässt und das sich leider doch nicht wegleugnen lässt; Das ist in gewissen Stunden und Zeiten ein recht kräftiges deutsch-nationales Empfinden. Wohlgemerkt: nicht das Gefühl, deutscher Staatsbürger zu sein, sondern das, der deutschen Nation anzugehören! Das ist ein himmelweiter Unterschied! Vergessen ist in solchen Augenblicken das Blut, das Hunderttausende unserer Vorfahren in Deutschland durch das Schwert ihrer deutschen „Brüder" vergossen haben. Vergessen sind die Scheiterhaufen, denen Hunterttausende unserer Ahnen als billiges Brennmaterial gedient haben; vergessen alle die Akte der Rohheit und Tierähnlichkeit, alle die menschenunwürdige Behandlung, die wir noch vor wenigen Jahren in Deutschland erlebt haben, noch heute erleben und, wie wir uns gar nicht täuschen, auch morgen wieder erleben können. Das war ja immer unser Erbfehler, dass wir zu schnell vergessen haben, dass wir nicht