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Der jüdische Student · 1907-04-01 · Heft 1 (April 1907) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
4 (1907-1908)
Issue
Heft 1 (April 1907)
Date
1907-04-01
Page
[Seite] (sequence 35)
Language
German
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Der jüdische Student. 35 zusammen eine christliche, wie ja auch die deutsche Kultur von der christlichen umwoben und durchzogen ist. — Ich möchte hierher einen Passus setzen, der in einem, ein ähnliches Thema behandelnden, ehemals für den „Jüdischen Studenten" bestimmten Aufsatz von mir stand.*) Da hatte ich geschrieben: „Da ist zum Beispiel der Sonntag, der christliche Ruhetag. Unsere modernen und speziell unsere grossstädtischen Lebensbedingungen haben es mit sich gebracht, dass die meisten Juden den Sonnabend als Ruhetag praktisch gar nicht kennen. Und ich gehe noch weiter: selbst die, die ihn ganz streng halten, können an ihm die Weihe eines Festtags nicht voll empfinden. Wir sind allesamt zu sehr Gemeinschaftsmenschen, als dass wir uns in nicht gerade rein persönlichen Gefühlsmomenten nicht durch unsere Umgebung beeinflussen lassen müssten. Ich sehe doch am Sabbat alle Geschäfte auf und einen vielfach gerade an diesem Tage gesteigerten Verkehr auf den Strassen; und das stört meine Ruhestimmung, in die ich mich (vielleicht!) glücklich zu Haus und in der Synagoge eingelebt habe. Zur Festtagsstimmung gehört eben die Möglichkeit des Mitlebens mit dem ganzen Volk. Und die ist mir nun am Sonntag gegeben. Ich gehe auf der Strasse; zu welcher Zeit auch immer, es ist ruhig und fast feierlich. Die Läden geschlossen, die Menschen alle, auch die ärmsten und die kleinsten, in Feierkleidern und in Festtagsmienen; keine Lastwagen, die mich an den Geschäftslärm der Woche erinnern; Glockengeläut, erst vereinzelt, dann immer brausender, erfüllt das Ohr und mit ihm die Seele mit unbestimmter, doch aber zweifellos dem Gedanken an den Kirchenbesuch der Christen entlehnter Weihe; und die Sonne braucht nur noch zu scheinen, um durch ihren Kuss den Frieden dieser Stunde zu vollenden. Und das Bewusstsein, heute feiern alle deine Bekannten, die die Woche angestrengt tätig sind; du träfst sie zu Hause, wenn du sie besuchtest, mit den Ihren vereint, oder du weisst sie draussen in der Natur auf einem Ausflug — habt ihr nie die Weihe eines Sonntags empfunden? Ich rede doch gewiss nicht von so banalen Dingen, wie vom Längerschlafenkönnen und vom Sonntagsbraten oder vom Nachmittagsskat, sondern ich meine jenes Fluidum, das ich: Sonntagsstimmung nennen muss, wenn auch noch so ungern, und das ich in seinem Inhalt und Umfang nicht scharf bestimmmen kann, wie eben ein echtes Imponderabile der Gefühlssubstanz. Man könnte dieser Sonntagsstimmung das spezifisch Christliche absprechen wollen und sagen, dass sie unabhängig von dem christlichen Ruhetag auch eintreten kann, wenn man an einem *) Dieser Artikel ist übrigens s. Z. von der Redaktionskommission abgelehnt worden, weil sich sein Inhalt in einem externen Blatte, wie dem unseren, nicht zur Veröffentlichung eigene. Um nicht, die dort festgehaltenen Gedanken und Stimmungen in einer anderen Form geben zu müssen, lasse ich sie hier in der damaligen Ausdrucksart folgen, einer Form freilich, die in den Ton dieser Ausführungen nicht ganz hineinpasst.

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