Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 4 (1907-1908)
- Issue
- Heft 1 (April 1907)
- Date
- 1907-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Student. 31 Feststellung könnte uns kaum über einen Siouxindianer (er verzeihe mir) erheben. Es muss sich für uns darum handeln, auch innerlich Fühlung zu nehmen mit dem, was ich: jüdische Idee nennen möchte. Denn ich bin noch immer naiv genug, zu glauben, dass wir — nicht so ganz in zweiter Linie — eine geistige Nation sind. Dass wir der Welt etwas gesagt haben und (das ist meine allerpersönlichste Ansicht) dass wir ihr auch noch was zu sagen haben. — Wir verlangen also ein jüdisches Fühlen und bedenken garnicht, dass hier ein Phänomen vorliegt, das gewiss nicht viel seinesgleichen hat, dass nämlich dieses unser jüdisches Gefühl erst gepflegt, geweckt, wenn nicht gar überhaupt erst geboren werden muss. Gefühle sind Stimmungen, die die Seele bewusst, aber unwillkürlich auslöst; dies Gefühl aber, das unserer ganzen Arbeit zugrunde liegen muss, ist meistenteils so latent, dass sogar die Einführung des Fechtzwanges und andere gleicherweise stark jüdische Institutionen es nicht hervorzaubern können. Die Tatsache, dass wir als Juden geboren und dann in den Bund Abrahams aufgenommen werden, gibt uns nur ein ganz allgemeines und verschwommenes, jedem Tier eben so gut eigenes Rassengefühl, einen Familien- und Stammesinstinkt mit; das hohe und hehre Gefühl, der jüdischen Nation anzugehören, mit all den Unterstimmungen, die dieses stolze Bewusstsein begleiten — noch lange nicht! Dies muss erkämpft, erarbeitet werden, oder wenn ich an die Stelle des Wortes für die stumpfe Arbeit den Ausdruck der höheren Produktivität setzen soll, es muss geschaffen werden. Es muss dort hergeholt werden, wo es unser Volk immer erworben hat, soweit es dies erst zu erwerben hatte: aus der Bibel. Ich weiss, ich spreche da eine gewagte Sache aus. Man wird mir mit faulen Scherzen kommen können. Wir erzögen keine Theologen, wir seien kein Rabbinerseminar, wir hätten wichtigere Gegenwarts- und Zukunftsfragen, für die wir die wenige Zeit brauchten. Ich werde später zu sagen haben, wie wir uns Zeit schaffen. Viel kostbare, heut vergeudete Zeit. Zunächst — es ist eine Schande, dass das nötig ist — noch ein Wort für die Bibel. Sie enthält die Grundlagen unserer Religion, also des wertvollsten Zweiges unserer Kultur; sie trieft förmlich von jüdischem Empfinden, das sie ja gegeschrieben hat; sie spricht endlich die Sprache, aus der allein unsere Geschichte verstanden werden kann. Genau so wie ich mir Homer nur griechisch, Goethe nie und nimmer z. B. französisch oder englisch, Ibsen nur schwer deutsch vorstellen kann, so dürfte man auch die Juden von ihrer Sprache nicht trennen. Wer also jüdisch empfinden lernen will — wenn er das von vornherein nun mal nicht kann, den Mangel wohl aber beklagt — der muss hebräisch empfinden lernen. Erst wenn wir Leute haben, die hebräisch verstehen, aus der Bibel die Quellen ihres Volksempfindens trinken können und dort auch das Wesen der jüdischen Idee ergriffen haben — oder umgekehrt: und dort sie das Wesen der jüdischen Idee ergriffen hat, ergriffen in des Wortes innigster und