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Der jüdische Student · 1907-04-01 · Heft 1 (April 1907) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
4 (1907-1908)
Issue
Heft 1 (April 1907)
Date
1907-04-01
Page
[Seite] (sequence 30)
Language
German
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30 Der jüdische Student. Eifrigkeit in der Lektüre der vorgeschriebenen Literatur beweisen wollen, sondern lediglich ihre Absicht kundtun, das Minimum der gestellten Anforderungen noch gerade zu erfüllen — so lange wird es nicht besser werden. Das ist es eben: Der V. J. St.er-Gedanke ist noch nicht allen zu dem geworden, was einst seine Begründer und heute seine besten Vertreter wollen: zu einem Teil, oder dass ich's nur gleich sage, zu dem Kern einer Weltanschauung. Dafür haben wir aber einen Ersatz bekommen: an die Stelle eines solchen, auf einer möglichst einheitlichen Lebensauffassung beruhenden stolzen Selbstbewusstseins ist eine masslose Ueberhebung getreten, und nur die Rücksicht auf den edleren Teil der B. J. C.er hält mich zurück, von einer geradezu sprichwörtlich gewordenen V.J.St.er¬ Frechheit zu sprechen. Es ist in der Tat erstaunlich, was bei uns in der Hinsicht geleistet wird: es mag im Seelenleben einer sehr frühen, eben zu studieren anfangenden Jugend zum Teil begründet sein, den Docht sehr hoch zu schrauben und dann zu blaken — der V. J. St. gibt hierzu jedenfalls nun noch die beste Gelegenheit. Ich will mich an dem mir heiligen V. J. St.-Gedanken nicht versündigen; nicht der V. J. St. an sich, sondern die Art, wie in ihm gearbeitet wird! Hört man einen V. J. St.er über irgend eine jüdische Frage sprechen, so könnte man denken, auf Wunder was für einem tiefen, eingehenden Studium seine so gediegene Ansicht beruht; und berührt schon im allgemeinen ein Mensch unsympathisch, der jung an Jahren, über alles seine feststehenden Gedanken hat, gleichsam mit seiner geistigen Entwickelung abgeschlossen haben will — und der darum doch nur ein Mittelmass schlimmster Sorte ist, so wird man ein doppelt starkes Gefühl eines zornigen Widerwillens empfinden gegen solche V. J. St.er, deren jüdische Ausbildung wir ja kennen. Ich werde auch hier noch zu exemplifizieren haben. Wir pflegen bekanntlich zweierlei hier: unsere Vergangenheit einmal und dann unsere Gegenwart und Zukunft. Unsere, ich meine, unseres Volkes. Die Pflege unserer Geschichte ist herzlich gering. Schon nach der Burschung wird behanntlich in den meisten Fällen nichts mehr gearbeitet. Cassel oder den Kayserling oder den Braun für die ältere Zeit, und (unsinniger Weise) den elften Band von Graetzens grosser Geschichte für die moderne Zeit. Ich weiss wohl, dass wir absichtlich die letzten Jahrzehnte unserer Geschichte ausführlicher behandelt wissen wollen, da sie das Verständnis gewinnen lassen für unsere Gegenwart und für das, was geschehen soll. Aber ich glaube, noch niemand hat einen Grundfehler darin erblickt, dass wir unsere älteste Vergangenheit viel zu wenig kultivieren. Die älteste Vergangenheit mit ihren das Judentum bildenden Faktoren. Das ist's eben: wir reden von Judentum und wissen garnicht, was das eigentlich bedeutet: Jude sein. Meiner Meinung nach darf denn doch unser jüdisches Bewusstsein nicht einfach identisch sein mit der Anerkennung der Tatsache, zum jüdischen Volke zu gehören, Diese rein äusserliche

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