Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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der Bühne, und nicht bloss friedliche Diskussionen über die Judenfrage und ihre Lösung. Nicht bloss? Ueberhaupt nicht! Und trotzdem wäre die tendenziöse Wirkung mächtig gewesen, von der künstlerischen ganz zu schweigen. Vor allem aber hätte ein solches Lustspiel eines gehabt, was mehr wert ist als aller Launen Uebermut und allen Witzes Geistreichtum : — Tragik. Jawohl, Tragik! Sie allein ist es, die einer Komödie den grossen Zug zu geben vermag, die es vermag, auch eine Tendenzkomödie emporzuheben über ihre Tendenz, hinein ins allgemeine Menschliche, ins Voraussetzungslose, in die Regionen höchster Kunst. Die Möglichkeit zur Tragik lag hier im Stoff und war mit Händen zu greifen. Denn die Komödie des jüdischen Helotentums aus Berlin W., sie ist auch eine Tragödie. Wenn nämlich Herr Samuel Eliasberg aus Rawitsch sich mit vollem Vor- und Zunamen dem Herrn Egon, Baron v. Euchtritz, vorstellt, und Frau und Tochter Hirschwald sich in schrecklichem Anfall krümmen, um den peinlichen Namen zu überhusten, so liegt etwas in der Verzerrung dieser Seelen, das uns ebenso zum Weinen wie zum Lachen erschüttern kann, wenn es nur richtig betont wird. Und diese Tragik hätte betont werden müssen, und wäre von selbst hervorgetreten, wenn der Dichter uns einen Kampf geschildert hätte, einen Kampf des jungen und stolzen Judentumes gegen die morsche Getthofurcht des x\ssimilantentums. Und wäre sie hervorgetreten, so hätte das eine Komik von wahrhaft erlösender Kraft gegeben, denn das eine steht fest: Goliath muss immer tragisch enden, um komisch wirken zu können. Das ist kein Paradoxon, sondern die schlichteste Wahrheit. Eine Wahrheit, die, wie ich meine, als kritische Erkenntnis wohl von jedem erfasst werden kann, als Tatsache des künstlerischen Schaffens aber eine Gnade ist. Eine Gnade, deren der "Schöpfer sich im Bilden kaum bewusst wird. Wohl gibt es eine Routine des dramatischen Effektes, wohl kann man lernen, Licht und Schatten zu verteilen, und auch die Narrentechnik Shakespeares ist eben nur eine Technik. Aber die Fähigkeit, in der dramatischen Situation und Handlung nicht allein das Wirksame, sondern immer das Wirksamste, und deshalb das einzig Wahre, herauszufinden, d. h. die Fähigkeit, aus den Anthitesen unseres erschütternden Lebens die Einheiten herauszuspüren und herausjzuschöpfen, die Fähigkeit, im Chaos der irdischen Triebe und Leidenschaften das Keimpünktchen zu erfassen und mit gewaltigem „Es werde!" eine neue Welt ins Leben zu rufen, die Fähig-