Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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181---—- Ich habe aber noch mehr auszusetzen. Der Dichter der „Familie Hirschwald" ist so wenig Dramatiker, dass er noch nicht einmal zu wissen scheint, dass alle dramatische Wirkungnur auf den dramatischen Antithesen, den äusseren oder inneren Konflikten, und ihrer Lösung, der dramatischen Synthese, beruht. Wäre er ein echter Dramatiker gewesen, so müsste ihm das schon im Gefühl liegen. Freilich hat er in seiner Komödie neben die schlechten, degenerierten Getthomenschen auch einen tüchtigen, stolzen, freien Juden gestellt. Ich habe aber Gründe, anzunehmen, dass er sich dieser Figur nur bediente, um durch ihren Mund seine eigene positive Tendenz zu predigen, d. h. den gröbsten Fehler zu begehen, den ein Dichter, und auch ein Tendenzdichter, überhaupt begehen kann: nämlich die Bühne als Rednerpult zu benutzen. Ja, zum Teufel, wird mir der Dichter einwerfen, wie soll ich denn meine Tendenz kund tun? Ei, mein Lieber, das ist ja eben der Punkt, wo sie einsetzen muss, die grosse Kunst des grossen Dramatikers: Schweigend zu sprechen, sprechend zu schweigen, fragend zu antworten, antwortend zu fragen, in einem Wort, einer Silbe, einer Bewegung. Abgründe zu eröffnen und Gipfel der Wonne, dass wir stehen bleiben vor einem „Ach!" und „Oh!" und uns fragen: Woher hat das der Mann? Mein Gott, der Möglichkeiten sind so viele! Man kann die Seligkeit in der Hölle malen, das Paradies im Schmerze Adams. Und man sollte nicht eine Tendenz ausdrücken können ohne Tendenzrede? Vielleicht wird unser Dichter behaupten, dass es wirklich in seiner Absicht gelegen habe, die Gestalt des idealen Juden in künstlerischem Sinne zur Erzielung der grossen Kontrastwirkung einzuführen. Dann muss ich aber sagen, dass es ihm herzlich schlecht gelungen ist. Und warum? Weil er wiederum nur koordiniert hat. Er hat die Figur des guten Juden neben die schlechten gestellt, anstatt sie ihnen entgegen zustellen, entgegenzustellen in der Position des Kampfes, der die Meinungen auf einander platzen lässt und sich nicht mit dem verbindlichen Lächeln eines allenfalls gutmütigen Spottes begnügt. Ach, welche Gelegenheiten Hess er sich hier entgehen! Statt des gesellschaftlich so gewandten Zionisten hätte er einen ausgelassenen Rüpel in die Villa Hirschwald hineinbringen sollen, und vortrefflich wäre es gewesen, wenn der eigene Sohn des Hauses gegen Papa und Mama Rebellion gemacht hätte. Dann wäre Handlung und Erregung in das Drama und pulsierendes Leben in die Charaktere hineingekommen, es hätte ein Ringen gegeben auf