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Der jüdische Student · 1905-12-01 · Heft 4 (Dezember 1905) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
2 (1905)
Issue
Heft 4 (Dezember 1905)
Date
1905-12-01
Page
[Seite] (sequence 21)
Language
German
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---in sicheren Massstab zur Feststellung dessen, was überflüssig ist. Das dichterische Genie geht oft wunderliche Seitenwege, um dann doch umso schneller und überraschender zum Ziele zu kommen. Kurzsichtigkeit könnte z. B. an Goethes „Götz von Berlichingen" gar manches überflüssig erscheinen lassen, und es könnte in der Tat nicht weniges an ihm gestrichen werden, ohne dass das Verständnis der Handlung darunter leidet. Trotzdem glaube ich, dass in einem höheren Sinne nichts an ihm überflüssig ist. Bei alledem ist er ja trotz seiner starken Handlung wirklich als Drama verfehlt. Der Verfasser der „Familie Hirschwald" könnte freilich das Recht einer solchen Beurteilung auch für sich in Anspruch nehmen, indem er von vornherein auf das Lob verzichtet, ein formal unanfechtbares Drama geschaffen zu haben. Ich kann ihm aber beim besten Willen eine solche Beurteilung nicht zugestehen. Nicht etwa allein, weil Goethe Goethe und Friedländer Friedländer ist. Das wäre lächerlich. Sondern auch aus anderen Gründen. Ich behaupte nämlich, dass die überflüssigen Stellen in seinem Drama — ich verpflichte mich, mindestens ein Drittel der Komödie zu streichen, ohne den äusseren und inneren Zusammenhang zu stören — auch nicht in jenem höheren Sinne zur Einheit des Stückes gehören. Es sind das eben jene künstlich, d. h. ohne innere Notwendigkeit, herbeigeführten zahlreichen Situationen, die dazu bestimmt sind, die Charaktere der Komödie klarzulegen. Besser gesagt: nicht Charaktere, sondern Typen. Und auch weniger Typen von Charakteren als Typen von Anschauungen. Denn da es dramatische Charaktere überhaupt nur in einer dramatischen Handlung gibt, und in unserer Komödie so gut wie keine Handlung vorhanden ist, so haben wir hier auch keine eigentlichen Charaktere, sondern es sind mehr oder weniger inkarnierte Ideen, zweibeinige Programme, die auf der Bühne herumlaufen. Ohne Zweifel treffen wir dabei auf eine grosse Anzahl neuer und feiner Beobachtungen und einzelne Typen sind sogar prächtig. Aber das kann an unserem Urteil nichts ändern. Denn ebenso wenig, wie gute Einfälle einen vernünftigen Menschen machen, machen gute Beobachtungen einen Dichter. Um Beobachtungen über ein Milieu niederzulegen, zumal tendenziös niederzulegen, genügt ein Zeitungsartikel. Wozu ihn noch dramatisieren, zumal in solcher Form: Alles koordiniert, und nichts genetisch? Nirgends ein Werden, überall nur ein Sein. Dadurch verliert das dramatische Bild ja seine ganze Perspektive.

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