Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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116denn im vierten Akte das grosse Ereignis, dass Egon, Baron von Euchtritz, bei Herrn und Frau Hirschwald um die Hand ihrer Tochter anhält und zwar mit einer geschwollenen Backe, der unseligen Folge eines dem beleidigten Samuel Eliasberg gegenüber im Hause Hirschwald soeben hinter der Szene verfochtenen Prinzipes, das die Juden als nicht satisfaktionsfähig erklärt. Nun endlich geht der Familie Hirschwald, die sich bisher aus dem feinen Verkehr eine hohe Ehre gemacht hat, ein Licht auf über die Motive und den Charakter des Herrn Barons. Steffi braucht ihn nicht zu nehmen, und die in ihrer Eitelkeit, keineswegs aber in ihrem Judentume, schwer verletzte Mutter bricht in die Worte aus: „Nun sage mal, Max, ist die ganze Geschichte nicht tatsächlich zum zionistisch werden!?" — Vorhang. Schluss. Das ist die Handlung des Stückes. Ich gebe zu, dass man sich nach dieser Wiedergabe keine Vorstellung von dem Drama machen kann. Das ist aber ein Fehler des Dramas, und man darf nicht etwa dem Schreiber dieser Zeilen den Vorwurf machen, er hätte die Handlung nicht richtig oder nicht im Sinne des Verfassers wiedergegeben. In der Tat kann nur das, was ich ausführte, als die Fabel angesehen werden. Alles andere ist Schilderung und zwar nicht dramatische, sondern epische Schilderung, mit einer Unzahl Episoden gespickt. Wo keine Handlung ist, da gibt es auch keine rechte Charakteristik. Denn eigentlich nur im Werden des Lebensprozesses, in dem der Mensch vor Hemmnisse, d. h. vor Entschlüsse gestellt wird, offenbart sich sein Charakter. Darum ist es auch eine der primitivsten Forderungen dramatischer Technik, dass Handlung und Charakteristik zusammenfallen. Es muss in einem guten Drama fast unmöglich sein, ein Stück Charakteristik zu streichen, ohne zugleich den dramatischen Zusammenhang, den Fluss der äusseren Handlung, zu stören. Charakteristik darf niemals Selbstzweck sein, und es ist darum ein Zeichen von Unfähigkeit, wenn ein Dichter Episoden und Situationen erfinden muss, um zu charakterisieren. Das beste Drama ist das, an dem alles notwendig und nichts überflüssig ist, an dem eine fühlbare Lücke entsteht, wenn der geringste Passus gestrichen wird. Freilich bin ich mir wohl bewusst, dass ich in diesem Satze nur einem formalen Ideale Ausdruck gegeben habe, das nie erreicht werden wird, vielleicht auch nicht erreicht werden soll, sondern nur dazu diene, die Richtung anzudeuten, in der die bewusste Arbeit des Dramatikers zu erfolgen hat. Es gibt ja schliesslich auch keinen