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Der jüdische Student · 1905-12-01 · Heft 4 (Dezember 1905) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
2 (1905)
Issue
Heft 4 (Dezember 1905)
Date
1905-12-01
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
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114 Eine weitere Gefahr für den Dichter der Tendenzkomödie, wie des Tendenzdramas überhaupt liegt darin, dass er sehr leicht didaktisch wird. Die Karikatur kann man noch gelten lassen, sofern sie nichts anderes sein will als Karikatur. Nichts aber ist fehlerhafter als Didaktik im Drama. Auch der Tendenzdramatiker muss wie jeder andere durch die lebendige Handlung wirken und nicht durch Explikationen. Denn wenn er einmal das Drama als Ausdrucksforni seiner Tendenz gewählt hat, so darf er nicht vergessen, dass es eben die höchste Kunstform ist, die er benutzen will, und dass es sie entweihen heisst, wenn man sie zum Katheder macht, von dem man seine Weisheiten herabdoziert. Eine Entweihung übrigens, die sich bitter rächt, weil durch sie sich der Dichter selbst seiner schönsten Wirkungen beraubt. Nichts wirkt so mächtig wie das Leben in seinen dürren Tatsachen. Ein elendes Arbeiterquartier bedeutet vielleicht mehr für die sozialistische Propaganda als alle Dialektik Marxens. Das Ueberzeugende an einem Beweis sind allemal die Prämissen, nie der letzte Schluss. Wenn es daher eine Voraussetzung gibt, die man dem Tendenzdramatiker zubilligen muss, so ist es die, dass in seinem Parterre vernunftbegabte Wesen sitzen. Und wenn es ein Gesetz für ihn gibt, so besteht es darin, dass er seine letzten Zwecke möglichst verschweigt und die Zuschauer selbst den Schluss ziehen lässt aus dem realen Unterbau seiner Tendenz^ den lebendigen Prämissen, die zu gestalten seine einzige Aufgabe ist. Es ist das jenes bekannte Grundgesetz der Pädagogik, die „Hebammenkunst" des Sokrates. Der Zuschauer muss voraussetzungslos zum Dichter gehen, und ahnungslos ihn wieder verlassen, ohne gemerkt zu haben, wie man seine Anschauungen zu beeinflussen gesucht hat. Denn merkt er einmal die Ueberredungskünste, die man anwendet, so geht es halt, wie der Dichter sagt: Man merkt die Absicht und man ist verstimmt. sK sfc sfc Vor mir liegt ein neues Drama: „Familie Hirschwald" von unserem Bundesbruder Martin Friedländer (Verlag Paul Raatz & Co., Berlin SW.). Es nennt sich eine jüdische Komödie in vier Aufzügen und kennzeichnet sich dadurch sofort als ein Tendenzdrama. Wir müssen ihm also die Zugeständnisse machen,, die man billigerweise jedem Tendenzstück einzuräumen verpflichtet ist, müssen darauf verzichten, eine Idealkomödie vorzu-

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