Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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-113 anlagung ins Metaphysische hinein an seinem Lustspiel „Der Diamant", welches theoretisch wohl ein Kunstwerk sein mag, in Wahrheit aber ein Stück von schrecklich dürrem Humor ist Diejenigen schliesslich, die sich ganz und einzig der Komödie zuwandten, versanken mehr oder weniger in der Zeitsatire, sogar die genialsten unter ihnen, wie Aristophanes, Moliere, Holberg. Das waren Gestalten, die mitten standen im Strome ihrer Zeit und die Geissei schwangen. Die höchste Form der Komödie haben sie nicht geschaffen. Dazu gehörten von Gott geküsste Dichterseelen, denen das Lachen ebenso heilig war wie das Weinen, und die herantraten an die Stoffe mit jener Keuschheit des Herzens, jenem wunderbaren Instinkt, der im Komischen und Grotesken ebenso Menschtum zu finden versteht wie im tragischen Kampfe: Shakespeare und Kleist. Und Goethe, wenn er sich nur auch einmal auf eine Komödie hätte konzentrieren wollen. Die höchsten Kunstwerke und also auch die höchsten Komödien sind die voraussetzungslosen. Da sie unabhängig sind von der Zeit, überdauern sie am ehesten die Zeit. Freilich wird es ihnen auch dafür am schwersten, sich in der Zeit durchzusetzen; sie nehmen ja keinerlei Rücksicht auf den Zeitgeist. Damit ist nun nicht etwa gemeint, dass die Voraussetzungslosigkeit allein schon das Kunstwerk macht. Das wäre eine lächerliche Behauptung. Ich führe das vielmehr nur an, um den Gegensatz festzustellen zwischen einer rein menschlichen Komödie, die für sich Selbstzweck ist, und einer Zeitkomödie, in der die satirische Absicht zu Tage tritt. Aber auch in der Zeitkomödie gibt es noch graduelle Unterschiede. Wenn nämlich neben den negativen Spott noch eine ausgesprochene positive ausserkünstlerische Tendenz, ein Programm, sei es politischer, sei es kultureller Natur, tritt, so haben wir ein sogenanntes Tendenzdrama vor uns. Ich will dieser Gattung nicht ihren Wert absprechen, muss aber sagen, dass bei jedem Tendenzdrama für den Dichter die Gefahr vorliegt, durch tendenziöse Färbung das rein künstlerische Bild zu beeinträchtigen. Die Komik wird leicht zur Karikatur, der Charakter leicht zum Typus. Der Weg vom Komischen zum Grotesken ist kurz, sobald das Schaffen in festen Absichten und nicht mehr in jenem holden Halbbewusstsein erfolgt, das den wahren Dichter auszeichnet vor den Stümpern der Zunft. Ein Dichter darf sich nicht zu klar sein über das, was er will, sonst tritt Schema an die Stelle von Natur, d. h. Tod an die Stelle von Leben.