Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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108erheben hat, oft vereinsamt, vor Allem auf religiösem Gebiet, und hat dabei nicht, wie der Offizier, der Beamte, der Geistliche anderer Religionen, Rückhalt an einer starken Standesorganisation und dem dadurch erzeugten Korpsgeist. Schwachen Charakteren wird das leicht verderblich. Es ist leider nicht richtig, was unser Kritiker meint, „dass sich unter den Hörern eine leider schon zu weit verbreitete Theologengesinnung geltend macht". Leider trifft oft das Gegenteil zu, und daraus erklären sich beklagenswerte Erscheinungen. Ein Rabbiner hat im Bade in diesem Sommer sich nicht als Rabbiner, sondern als Kreisschulinspektor ins Fremdenbuch eingetragen, er hat also seinen Stand verleugnet. Auch einem Theologen im V. J. St. könnte solche Verirrung unterlaufen, denn hier besteht eine starke theologenfeindliche Richtung, die wir s. Zt. nicht, wie Biram andeutet, „dreist", sondern mit guten Gründen als Theologenhass bezeichnet haben. Seine Existenz ist nicht verwunderlich. Wenn der V. J. St. erklärt, er sei national jüdisch, so erklärt er damit zugleich mit grossem Nachdruck, er stehe nicht auf dem Boden der jüdischen Religion, oder, wie der Ausdruck gewöhnlich lautet, der jüdischen Konfession. Damit ist der Gegensatz zu den Theologen schon gegeben, und dieser hat sich bisweilen auch nach Aussen hin in auffälliger Art offenbart. Wir erinnern nur an die Rede über die Aufgaben des Rabbiners, die vor einigen Monaten bei einem Kommers der Hochschüler ein Vereinsbruder vom Stapel Hess. Rechtes Standesgefühl und das Bewusstsein seines Wertes sind dem Theologen gewiss vonnöten. Im V. J. St. kann er „viel, recht viel, ja Entscheidendes lernen," aber das Bewusstsein seines Wertes gerade als Rabbiner und die Freude an seinem Beruf wird ihm dort nicht gegeben, sie wird ihm dort eher genommen. Damit ist die Frage nach dem Verhältnis der Theologen zum V. J. St. bereits beantwortet. Wir können im V. J. St. viel lernen, aber doch nicht Alles. Zur Ergänzung soll ein Theologenverein eintreten. Auch er hat wichtige Aufgaben. Der Rabbiner hat später seine Arbeit nicht selten unter Begleitung eines Chors von Klageweibern zu leisten, die ihm vorjammern, dass doch Alles umsonst sei. Darauf soll der Rabbiner bei Zeiten vorbereitet werden, damit er nicht später einmal statt zu handeln zu heulen anfange. Ihm das sagen, heisst auch „Mitarbeiten an der Entwicklung eines lebendigen Judentums". Wir hatten erwartet, dass auch die Theologen im V. J. St. ihre Hülfe dabei uns nicht versagen, und