Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3537599-3537636-3537640--0479-3538548- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
106in jüdischen Dingen allenthalben Interesse und Klarheit herrsche, wer möglichst viele Mitglieder zu irgendwelcher jüdischen Tätigkeit zu veranlassen sucht, der hat damit sehen sehr viel geleistet, und wenn alle „Khilles" so in gutem Stande wären, dann wäre ein grosser Teil der inneren Judenfrage gelöst. Und der Rabbiner, der so arbeitet, ist zugleich auch vor dem Schicksal bewahrt, „in dem elenden Morast des Khillejudentums zu versumpfen", wie das Biram befürchtet. Denn seine Arbeit zwingt ihn ständig, mit den religiösen Fragen sich auseinanderzusetzen, und aus den vollen oder leeren Bänken schon könnte er, wenn er es nicht von selber wüsste, erkennen, dass er „ m der Sprache der Modernen reden muss und nicht in abstrakter, abgeblasster Kanzelsprache'\ A n dem Programm, dasinunseren Tagen als neu dem Ra bbiner aufgestellt wird, ist in Wahrheit nichts neu. Alles was hier von seinen Pflichten ihm gesagt wird, hat der Rabbinerstand längst g e - wusst und betätigt. Freilich, die Verhältnisse, unter denen der Rabbiner zu wirken hat, sind oft klein, aber darum sind weder die Männer klein, noch ihre Aufgaben. Welchen Sinn hat denn da Birams Wort von der „Groschenwohltätigkeit der jüdischen Bourgeoisie"? Sicherlich würde auch der Rabbiner von Bomst oder ähnlichen Ortschaften lieber in grandiosem Masstab soziale Fürsorge treiben, aber wie soll er denn das anfangen? Ein Papst mag Weltpolitik treiben; ein Dorfpfarrer kann das nicht. Ganz unverständlich ist uns der Angriff gegen „die durch Diners und Gastereien reichlich verdächtigte Seelsorge'4. Gerade diese Seelsorge erfüllt uns mit dem höchsten Respekt. Wir denken z. B. an den alten B., einen in weiteren Kreisen unbekannten „Rabbiner". *) Als dieser vor zwei Jahren starb, erzählte uns ein ehemaliges Mitglied seiner Gemeinde, zugleich lange Jahre hindurch eines der verdientesten Vorstandsmitglieder der hiesigen Gemeinde: „Als B. sein Amt antrat, waren in der Gemeinde viele Spitzbuben. Er aber hat sich an sie gehängt, wie eine Klette, und hat sie immer und immer wieder bearbeitet. Ihm haben es Viele zu danken, wenn sie wieder auf den geraden Weg gekommen sind." Uns klingt dieses Lied von der vom Unverstand reichlich verdächtigten Seelsorge schöner, als alle *) Wir geben in diesem Artikel keine Namen, sind aber bereit, sie Jedem, der sich dafür interessiert, zu nennen.