Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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104 erwartungsvoll entgegen. Ob sie wirklich die goldene Zeit herbeiführen werden? Sie versprechen es, und wenn es ihnen gelingt, werden wir die Ersten sein, die ihre Verdienste anerkennen. Lassen wir aber einen Augenblick lang die national jüdischen Kollegen der letzten Jahre in der Erinnerung vorüberziehen! Sie haben einst Alle grosse Reden gehalten, aber wo siad sie geblieben? Sie weilen nicht mehr unter uns. Bis auf Wenige haben sie anderen Berufen sich zugewendet. IM och klingen uns die Trompetenstösse in den Ohren, mit denen die Titanen verkündeten, sie würden übermorgen die alten Götter stürzen und eine neue Aera im Judentum und in der jüdischen Theologie herbeiführen. Wie es aber zum Treffen kommen sollte, da haben die Rabbiner der Zukunft Andern den Kampfplatz überlassen. Sie hätten allen Grund zur grössten Bescheidenheit, denn den Olymp hat keiner der Giganten erobert. Zum Ersatz dafür schreiben etliche jetzt auf der Königlichen Bibliothek oder in anderen stillen Klausen strategische Briefe. Sie sollten das lieber bleiben lassen. Das stolze Wort, die national jüdische Weltanschauungwerde unserer jüdischen Theologie das Heil bringen, erscheint zur Zeit nur als unbewiesene blosse Behauptung, das ist die Schuld der früheren Stimmführer. Sie haben noch nicht einmal den Versuch gemacht, ihre Versprechungen einzulösen Damit haben sie aber das Recht verwirkt, von Denen, die bei der Fahne geblieben sind, oder von Andern, Aussenstehenden, als Pfadweiser betrachtet zu werden. Sie sollten mit ihren Ratschlägen zurückhaltend sein, sonst erinnern sie leicht an jene ehemaligen Bankiers, die nach glücklich vollendeter Liquidation von Geschäft und Vermögen ein Werk herausgegeben unter dem Titel: „Die Kunst, Millionär zu werden." Und nun das Programm! Als wir es zum ersten Mal lasen,, glaubten wir, Birams Ideal sei ein Rabbiner, der über irgend welchen nicht näher bezeichneten grossen Interessen oder wissenschaftlichen Arbeiten die Sorge für seine Gemeinde vernach lässige. Birams Ausführungen über das grössere Judentum, das an Stelle des Gemeindejudentums treten solle, müssten diesen Eindruck erwecken. Wir giauben aber Birams Versicherung, dass dem nicht so ist; auch er wünscht keine Rabbiner der oben bezeichneten Art, sondern auch sein Ideal scheint uns im Wesentlichen das zu sein, was schon bisher alle vernünftigen Menschen als Muster eines Rabbiners angesehen haben, ein Mensch, der