Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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-1-.-103 ihrem Amt und ihrer Wissenschaft leben. Hätte nicht der von Biram mit tiefer Berechtigung blossgestellte „Strebergeist" sie zum Rabbinerberuf mit seiner „guten Versorgung" getrieben, dann könnten sie heute auch Geheime Justiz- und Medizinalräte sein. Freilich hätten sie dann jenen „Idealismus" sich aneignen müssen, der die Angehörigen der andern Fakultäten so vorteilhaft vor uns auszeichnet, und hätten Jura oder Medizin studieren müssen. Die Erlösung von diesem Strebergeist sollen uns die nationaljüdischen Theologen gebracht haben. Es ist eine missliche Sache, bestimmten Klassen ein Monopol auf hohe Lebensauffassung zuzusprechen. Solche Versuche scheinen uns von vornherein aussichtslos zu sein. Wollte man sie in diesem Falle dennoch anstellen, dann müssten wir Alle, auch die nationaljüdischen Rabbiner, die Palme neidlos den Schülern des orthodoxen, Hildesheimerschen Seminars zusprechen, die um eines Prinzips willen (Orgel!) sich den Zugang zu den grössten und schönsten Gemeinden verbauen, und die im Dienste ihrer Ueberzeugung sehr oft ein lebenslanges Martyrium in schlichtester, anspruchslosester Art ertragen. Von ihnen wird Niemand behaupten wollen, was Biram ganz allgemein ausspricht, „dass sie den Rabbinerberuf als eine gute Versorgung auffassen und ihr Interesse vom ersten Anfang ihres Studiums an daiauf richten, wie sie dereinst eine gute Stelle bekommen." Unter den nationaljüdischen Theologen haben wir einen besonderen, hervorstechenden Idealismus bis jetzt noch nicht wahrnehmen können. Nicht für alle ist ihre nationaljüdische Lebensauffassung befreiend geworden, und „die ganze, elend bequeme, rein praktische Auffassung des Rabbinerberufes", die unser Kritiker tadelt, kann sich bei Nationaljuden so gut finden, wie bei Anderen, denn ihre Herrschaft hängt ausschliesslich von der grösseren oder geringeren Sauberkeit des Charakters ab. Uebrigens ist der Streit ja leicht zu entscheiden. Das Rabbinat zu Pinne ist zur Zeit unbesetzt. Ein nationaljüdischer Theologe hat sich noch nicht gemeldet. Vielleicht veranlasst Biram einen Gesinnungsgenossen zur Bewerbung. Dann werden wir weiter reden. Solange aber die Predigt gegen die Stellenjägerei nur zu Berlin im Cafe Monopol gehalten wird, werden wir in ihr nur leere Worte sehen. Die national jüdischen Theologen! Ja, wo sind sie denn? Einige sind uns bekannt, und wir sehen ihrem dereinstigen Wirken