Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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102---- Mode nicht, Rabbiner zu werden. Ein Moment von ausschlaggebender Bedeutung; wenn so viele Abiturienten beispielsweise der Jurisprudenz sich widmen, so geschieht das ja auch häufig genug nicht aus innerem Beruf, sondern nur, weil es herkömmlich ist, dass Jeder, der keine bestimmte Vorliebe oder Fähigkeit für etwas Anderes hat, eben Jurist wird. Dafür hat sich ja schon ein eigenes Sprichwort gebildet: in dubio Semper ius. Zudem isi der Rabbiner beruf schwer, er verlangt Vei zieht aut manchen Genuss und ist viel weniger als „gute Versoigung" anzusehen, wrie etwa der Stand des Arztes oder des Anwalts. Wir haben alle Achtung vor Denen, die ihre freien Stunden dem Judentum widmen, aber in aller Bescheidenheit dürfen wir doch behaupten, dass ein viel grösserer Entschluss und ein ziemliches Mass von Entsagung dazu gehören, sein ganzes Leben dem Judentum dahinzugehen. Mag nun jene Erscheinung alle möglichen Ursachen haben, jedenfalls ist es richtig, dass die deutschen Jaden nur in sehr seltenen Fällen ihre Söhre Rabbiner werden lassen. Uns erscheint diese Tatsache als ein dunkles Blatt in der inneren Geschichte des deutschen Judentums, als ein schweres Symptom für mr.ngelnde Aufopferungsfähigkeit. Mag dem nun sein, wie ihm wolle, jedenfalls wenden sich unsere Kcmmilitonen anderen Fakultäten oft genug erst nach eingehender Prüfung der Statistik über die Aussichten in den verschiedenen Ständen zu. Gar nicht selten leitet sie bei der Wahl ihres Lebensberufes die Erwägung, dass der Jurist und der Mediziner dereinst die grösste Aussicht haben, bei der Verheiratung das grosse Los zu gewinnen. Neben diesen Priestern des Idealismus, von denen die Studentenschaft wimmelt, dürfen, glaube ich, auch wir Theologer» uns mit Ehren sehen lassen. Dass auch der Theologe dereinst gern eine möglichst gute Stellung einnehmen möchte, ist selbstverständlich. Wie jeder Beruf, vom König bis zum Tagelöhner, soll auch der rabbinische seinem Träger nicht nur eine Lebensaufgabe stellen, sondern auch den Lebensunterhalt gewähren, und der Mann muss noch geboren werden, der in Mogilno lieber Rabbiner wäre, als in Berlin. Aber unsere Rabbiner haben doch durch die Tat gezeigt, wie hoch ihnen ihre Aufgabe steht Wir könnten aus den verlorensten Nestern Posens und Westpreussens Rabbiner nennen, die das Zeug zu viel Grösserem hätten, und die «loch still und bescheiden, von der Welt unbeachtet, in einem kleinen Winkel