Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 4 (Dezember 1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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-,-.--101 „Jüdisch wissenschaftliche Fragen interessieren, so hören wir. den jüdischen Theologen nur insoweit, als sie der Vorbereitung von Predigt und Unterricht dienen. Von Auseinandersetzung mit modernen Lebensproblemen ist überhaupt nicht die Rede/' Das trifft vielleicht bei manchen Banausen zu, ist aber in dieser Allgemeinheit ganz unrichtig. Es ist uns im Gegenteil kein Stand bekannt, der auf dem Gebiete der Wissenschaft so vie* arbeitete, wie gerade der Rabbinerstand. Und es ist uns sehr zweifelhaft, ob man unter 250Durchschnittsanwällen oder Aerzten so viel Wissen und Streben findet, wie unter den 250 deutschen Rabbinern. „Wir älteren Theologen des V. J. St. , erklärt uns Biram, „sind die letzten, die die Beschäftigung mit den traditionellen Formen des jüdischen Lebens irgend wem verübelten." Das Gegenteil wäre auch die Krone des Unverstandes .... „Nicht als ob wir uns einbildeten, meint bescheiden der Artikel, dass w i r damit eine neue Rabbinergeneration schaffen könnten . . . Diese Einbildung wäre auch ein starkes Stück. Denn die Theologen, die so sprechen, haben zum grossen Teil mit all ihren grossen Projekten noch nicht einmal sich selber zu Rabbinern gemacht. Und nun beginnt die Anklage gegen den heutigen Rabbinerstand. Am schwersten trifft uns der Vorwurf, die Rabbiner seien Streber, „sie sehen ihren Beruf nur als eine gute Versorgung au und richten all ihr Interesse vom ersten Anfang ihres Studiums darauf, wie sie dereinst eine gute Stelle bekommen." Nun gibt es gewiss auch unter den Rabbinern, wie in adeu anderen Ständen, Leute der von Biram gezeichneten Art, aber dass es viele oder gar, dass es die Mehrzahl wäre, ist nicht wahr. Wtr möchten indes den schweren Vorwurf gern in einem etwas grösseren Zusammenhang betrachten. Wer sich die Frage vorlegt, wie ein Mensch in Deutschland Rabbiner wird, der stösst bald auf eine auffällige Erscheinung. Seit dem Jahre 1854, seit der Gründung des Breslauer Seminars, haben wir genaue Verzeichnisse der Theologen, und wir finden da die unbestreitbare Tatsache, dass die führenden Kreise der jüdischen Bevölkerung in Deutschland ihre Söhne niemals Rabbiner werden lassen. So sind z. B. von Rai*binersöhnen abgesehen, in den letzten 51 Jahren, vielleicht auch im ganzen 19. Jahrhundert, unseres Wissens nur zwei Akademikersöhne Rabbiner geworden. Diese Erscheinung hat mancherlei Ursachen. Zunächst den Niedergang des religiösen Lebens Sodann ist es die