Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 3 (September 1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- 73 soldungen, Kantorenqualitäten und Vorstandswahlen hervorrufen. Für das Gemeindejudentum haben wir ein grösseres Judentum gesetzt. Wir verlangen von allen unseren Mitgliedern, dass sie draussen im Leben mitkämpfen für den grossen Gedanken der jüdischen Befreiung und der jüdischen Auferstehung. Theologen also, die noch immer Synagogen- und Synagogenverbandsinteressen für jüdische Interessen schlechthin halten, haben bei uns nichts zu suchen. Unsere Theologen müssen anders sein. Deren ganze Tätigkeit muss lebendig durchweht sein von der Empfindung eines grossen, auferstehenden, eines das ganze Leben umfassenden und bestimmenden Judentums. Ihr soziales Interesse darf sich nicht in der elenden Groschenwohltätigkeit und Vereinsmeierei der jüdischen Bourgeoisie, in der durch Diners und Gastereien reichlich verdächtigten „Seelsorge" erschöpfen. Und sie müssen es auch wissen, dass sie nicht die Funktionäre von atheistischen Justiz- und Kommerzienräten, sondern dass sie die Beamten des jüdischen Volkes sind. Wir haben unsere Theologen, wie alle unsere Mitglieder mit neuem Judengeiste zu erfüllen. Die alt beschränkte Rabbiner- und Vorstandsweisheit mussten wir sie hassen lehren. Sonst würden wir die Leitsätze unseres Programms verleugnet haben. Aber darüber hinaus haben wir unserem Theologen noch mehr gegeben, was mit unserer Tendenz direkt zwar nichts zu tun hat, was aber für ihre Theologie richtunggebend war, und was in Zusammenhang mit dem alten Geiste der Hochschule aus ihnen moderne Theologen machen konnte. Dadurch nämlich, dass wir sie aus den ganzen beschränkten Interessen eines überall über die Achsel angesehenen Standes befreit, und grosse, ernste Ziele ihnen vor Augen gestellt haben, dadurch, dass wir sie in unsere Freiheitsbewegung mit ihrer gegen alles Ueberlebte und Tote, gegen alles bloss Mitgeschleppte und Erheuchelte gerichteten Organisation eingeführt und so überhaupt darüber hinaus in das ganze Individualitätsringen des modernen Menschen gestellt haben, haben wir ihnen auch den Sinn geschärft — für ihre Religion. Dass wir über die jüdische Ausbildung hinaus auch die sittliche und persönliche Entwicklung unsrer Mitglieder fördern, ist ja unser höchstes Ziel. Wir haben unsern Theologen Eigenwillen und Eigenleben gegeben und haben sie so indirekt, ganz ohne bestimmte Tendenzen, in dieser Richtung von der kläglichen