Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 3 (September 1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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sodass man sich noch heute die Mär erzählt, ein Hochschüler, der nicht V. J. St/er sei, könne garnicht Talmud lernen. Haben wir doch, verführt durch unsern national-jüdischen Standpunkt und leidenschaftliche Anhänger alles bewusst Jüdischen, durchaus konservativ-religiöse Gesinnung vertreten. Aber — wovor wir zurückschrecken, wogegen wir unseren Theologen Hass einpflanzen, den man dann dreist als den im V. J. St. gepflanzten „Hass gegen die Theologie" ausgeben mag, das ist diese ganze elend bequeme, rein praktische Auffassung des Rabbinerberufes. Ja! wir haben unseren Theologen stets Hass eingepflanzt gegen alles pfäfTische Wesen. Wir haben das salbungsvolle, „würdevolle" Auftreten der Rabbiner als etwas Unjüdisches, von aussen Importiertes, und eines ehrlichen Menschen Unwürdiges gebrandmarkt. Und da sollen wir es nun gar wohl mit ansehen, dass ein V. J. St.'er, der Angehörige einer Verbindung, die alle Zeit hindurch im Kampf gegen die heuchlerischen, sentimentalen Lügen der jüdischen Bourgeoisie gestanden hat, in unwürdiger, unmännlicher Weise die Frische und Natürlichkeit seiner Jugend verbirgt, und sich verpflichtet fühlt, die hässliche Geschraubtheit, die würdevolle Haltung eines alten Rabbiners nachzuahmen. Ja! wir haben unsern Theologen stets Hass dagegen eingepflanzt, den Rabbinerberuf als eine gute Versorgung aufzufassen. Aus unsern Kreisen ist in Deutschland vielleicht zuerst der Protest wach geworden gegen die Korruption des Rabbinerstandes. Als wir noch eine kleine Schar im Leben draussen unbekannter, ganz junger Menschen waren, da haben wir schon zum Kampfe gerufen gegen „die von börsestolzen Vorständen besoldeten" und von ihnen abhängigen Prediger. Und wir sollten unsere Mitglieder, Leute, für deren geistige und auch sittliche Entwicklung wir verantwortlich sind, versumpfen lassen in dem elenden Morast des Khillejudentums. Sollten mit anhören, wie elender Vorstandsklatsch und Aemtervakanzen ihre Gesprächsthemen sind, sollten wohl gar dulden, dass unsere Leute all ihr Interesse vom ersten Anfang ihres Studiums darauf richten, wie sie dereinst eine gute Stelle bekommen. Nein, gegen diese theologischen Interessen, und alles, was damit zusammenhängt, wollen wir unseren Leuten Hass einpflanzen. Und alle die theologischen Organisationen werden unseren energischen Widerstand schon darum wachrufen, weil sie allzuleicht die beschränkte Atmosphäre des Khilleklatsches mit dem bornierten Interesse für Aemterbe-