Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 3 (September 1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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-,--71 J. St.'er an der Lehranstalt ausnahmslos zu den tüchtigsten Hörern derselben gehört haben, ja, dass Jahrelang wirklich ernst an der Lehranstalt fast nur von V. J. St/ern gearbeitet worden ist. Allzu gefährlich muss also die Zugehörigkeit zum V. J. St. auf das theologische Interesse und die theologische Arbeit nicht gewirkt haben. Verstehen kann das ganze Gebahren wirklich auch nur, wer die Entwicklung der Lehranstalt und vor allem ihrer Hörer in den letzten Jahren beobachtet hat. Wie nämlich die Anstalt von oben herab sich zu einem Rabbiner-Seminar in der oben schon gekennzeichneten Konstitution zu entwickeln begonnen hat, so macht sich auch unter den Hörern eine leider schon zu weit verbreitete Theologengesinnung geltend. Der Rabbinerberuf ist, so hört man es jetzt nicht mehr allein von den „Seminaristen" der beiden Seminare, sondern vielfach auch von „Hochschülern", ein praktischer Beruf. Der Rabbiner ist Prediger, Seelsorger und Lehrer. Daneben liegt ihm als eine wichtige, vielleicht die wichtigste Funktion, die ritualgesetzliche Entscheidung in Fragen von koscher und terefa, in Ehescheidungs- und Uebertrittsfragen, überhaupt die strenge Ueberwachung des jüdisch-zeremoniellen Lebens ob. Und darauf hat er auch seine Ausbildung zu richten. Jüdisch-wissenschaftliche Fragen interessieren nur in so weit, als sie der Vorbereitung für Predigt oder Unterricht dienen. Von Auseinandersetzung mit modernen Lebensproblemen ist überhaupt nicht die Rede. Von den sozialen und nationalen Aufgaben des Rabbiners hört man nichts. Der Rabbiner ist Prediger und Lehrer, vor allem aber ist die Sorge um das jüdische Zeremoniell, natürlich in gewissen der Neuzeit angepassten Grenzen, seine Lebensaufgabe. Und das nennt man dann den „historischen" Standpunkt. Die Frage der jüdischen Gesetzlichkeit gehört sicher für den Rabbiner und demgemäss auch für den Studenten der Theologie mit zu den wichtigsten Problemen, von der persönlichen Stellungnahme zu dieser Frage hängt ja auch das Verbleiben im theologischen Beruf ab. Und gerade wir älteren Theologen des V. J. St. sind die letzten, die die Beschäftigung mit den traditionellen Formen jüdischen Lebens irgend wem verübelten. Sind wir es doch gewesen, die zuerst energisch dem unhistorischen religiösen Liberalismus unserer damaligen Kollegen von der Hochschule entgegengetreten sind. Haben wir doch an der Hochschule geradezu das Talmudstudium wieder zur xAnerkennung gebracht,