Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1905)
- Date
- 1905-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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40 - Noch eins. Die Balken in den Augen unserer "Gegner scheinen sie wirklich blind zu machen. Wo bleibt das gute Beispiel der Einheit und Freiheit? Dem Corpsstudent ist es verboten, den Burschenschafter zu grüssen. Der S. C. fährt bei Aufzügen in einen weiten Abstand hinter den andern Korporationen. Und die Klassifizierung nach Monatswechseln hat wahrscheinlich eine grössere historische Berechtigung als die nach Konfessionen. Uns wirft man vor, dass wir Politik trieben! Zur selben Zeit, wo der V. D. St. mit dem Kronprinzenbesuch renommiert, und wo die Bekämpfung des Centrums bei allen deutschen Studenten Trumpf ist. Uns wirft man Unfreiheit vor, zur selben Zeit, wo die ausländischen Studenten beschimpft und verjagt werden, wo der Taufzettel noch immer das Entreebillet zu den deutschen Kathetern bildet. — Das sind ein paar Proben aus der Karrikaturensammlung, die sich akademische Freiheit nennt. Das Wort von „Freiheit, die i c h meine" muss sich allerhand seltsame Variationen gefallen lassen. Die deutsche Studentenschaft soll zuerst den Mist mittelalterlicher Denkart vor ihrer Tür wegschaffen, bevor sie sich als Hüterin der Freiheit aufspielt. Hic Rhodus! Selten ist ein Kampf mit mehr innerer Verlogenheit geführt worden als dieser. Aber wer wundert sich? Gestern wurde mit Fackeln und Fahnen und prangenden Worten der Freiheitssänger Schiller gepriesen. Man zitierte die glühenden Reden Karl Moors, den heldenmütigen Teil, und ganz gewiss wurde nirgends das berühmte Wort des Marquis Posa vergessen. Armer Schiller! Am andern Tag wird mit derselben Begeisterung für das Wahre, Gute, Schöne der Kampf gegen Gedanken- und Handlungsfreiheit der Kommilitonen aufgenommen. Das stimmt zu wehmütigen Betrachtungen über dieses junge Geschlecht, das nacheinander Kant und Schiller feiert, vom Geist dieser Grossen aber keinen Hauch sein eigen nennen darf. Strassburg (Eis.) am 10. Mai 1905. Bipontinus. <8*^f~^*9