Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1905)
- Date
- 1905-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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__ 39 Pflicht, dem Angreifer zu antworten. Aber da uns das Schweigen falsch gedeutet werden könnte, wollen wir doch eine Weile an diesem imaginären Turnier teilnehmen. Also, man wirft uns vor, dass wir uns konfessionell organisierten. Ich will nicht wie unser lieber Charlottenburger V. J. St. den Knoten mit der Erklärung durchhauen, dass wir nicht konfessionell, sondern national seien. Lassen wir es nur bei der konfessionellen Etikette. Einmal ist die Frage nach dem Wesen des Judentums auch nach der Charlottenburger Erklärung nicht definitiv entschieden, und dann müssen wir uns auf den Standpunkt unserer Gegner stellen, von denen billigerweise ein Verständnis unseres religiösen Volkstums nicht erwartet werden darf. Die Geschichte der jüdischen Studentenbewegung ist ein Faustschlag ins Gesicht ihrer Angreifer. Die drei grossen Etappen der deutschen Geschichte im vorigen Jahrhundert mit den Idealen: Befreiung, Konstitution und Kaisertum, hatten die deutsche Studentenschaft in ihrer heutigen Gruppierung entstehen lassen. Vor allem die liberale Revolution und die Reichsgründung sahen unter den Juden die tätigsten und wilJJkommene Kämpfer. Die bürgerliche Gleichstellung der Juden schien lange erreicht, als die Verfassung des Norddeutschen Bundes sie endgiltig aussprach. Aber die Ereignisse der Reaktionszeit bewiesen schon ein Jahrzehnt nachher die Richtigkeit des Satzes: „Quant aux juifs la Constitution n'est qu'un un monologue du legistateur." Die Juden hatten besonders bei der Gründung der Burschenschaft begeistert mitgeholfen, und nun wurde ausdrücklich und tatsächlich der Boykott über sie verhängt, freilich im Einverständnis mit dem Geist der Zeit. Was war natürlicher, als dass die Boykottierten sich zusammenschlössen! Die Erfordernisse des Lebens und der jüdische Volkscharakter wiesen auf den Weg der Selbsthilfe. Zwei Organisationen entstanden: die eine zur Abwehr, die andere mit positiv jüdischem Programm! Nun erleben wir das heitere Schauspiel, dass — unter dem Zeichen der Freiheit — dieselben Studenten, die uns systematisch aus ihren Organisationen ausschliessen, die natürlichsten aller Rechte, Notwehr und Selbstbestimmung, uns ebenfalls nehmen wollen. Vom „Verein deutscher Studenten" sind wir solche Brutalitäten längst gewohnt. Aber die Burschenschaft hat doch unter den drei Worten ihrer Devise auch diese: „Ehre". Ist die etwa ein Privileg deutscher Burschen? All dass im Namen der Freiheit! Der Schritt zum Lächerlichen ist wahrhaftig viel zu klein.