Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1905)
- Date
- 1905-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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36 -.- tum soweit entfremdet, dass sie verlernt hat, jüdisch zu denken und zu handeln, so dass sie den Ideen der jüdischen Renaissance gleichgültig, zum Teil sogar feindlich gegenübersteht. Es hiesse die ganze komplizierte Geschichte des 19. Jahrhundert schreiben, wollte man alle Ursachen aufdecken, die in diesen Zustand hineingeführt haben, wir wollen hier nur auf eine Seite der Entwickelung hinweisen, die das Meiste beigetragen hat und noch beiträgt, dass die Juden von ihren inneren Aufgaben abgelenkt werden. Unser Zeitalter ist eine Epoche des wirtschaftlichen Aufschwunges par excellence. Die wirtschaftliche Entwickelung, wie sie die Juden aus dem Ghetto in das Leben ihrer Wirtsvölker geführt hat, und sie in ein Milieu versetzte, das nicht ihrem Wesen entsprungen war, verstrickt ihre eigenen vitalsten Interessen mehr und mehr mit den Interessen der Bevölkerung des Landes, in dem sie wohnen. An allen Problemen, sowohl denen, die die Entwickelung der Wirtschaft selbst betreffen, den Fragen einer vernünftigen Regelung der Produktion, als auch den sozialen Problemen, den Fragen einer gerechten Verteilung der Consumtion, werden die Juden als wirtschaftliche Individuen in steigendem Masse interessiert. Die Wirkungen des kapitalistischen Systems, seine Tendenz, die Zahl der wirtschaftlich Selbständigen zu verringern und die der Angestellten zu vermehren, müssen auch sie erfahren, dabei nimmt diese Frage für sie infolge des Auftretens der modernen antisemitischen Bewegung noch eine besondere Gestalt an. Von vielen Grossbetrieben, insbesondere den Staatsbetrieben, die z. B. in Deutschland die grössten gewerblichen Unternehmungen bilden, sind die Juden ausgeschlossen, und werden so, wie im Mittelalter, auf bestimmte Berufe beschränkt. Indessen dieser Zustand, soviel Schwierigkeiten er auch hervorrufen mag, gehört zu denen, die das Judentum nur äusserlich betreffen; bei der stetigen Ausdehnung des wirtschaftlichen Lebens, das immer mehr Möglichkeiten des Daseins eröffnet, dürfte sich auch für die Juden das Feld, auf dem sie sich betätigen können, immer mehr erweitern, und bei ihrer grossen wirtschaftlichen Intelligenz können wir hoffen, dass sie, wie durch die Jahrhunderte des Mittelalters, sich auch fernerhin im Kampfe ums Dasein behaupten werden. Ernsthafter sind schon die Wirkungen der sozialen Kämpfe zu beurteilen. Der Gedanke der beruflichen Organisation mit gewerkschaftlichem Charakter, der früher nur die Klasse der Handarbeiter beherrschte, hat in jüngster Zeit mächtig an Aus-