Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1905)
- Date
- 1905-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3537599-3537636-3537638--0398-3538465- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
- 35 gewesen für die Folgen, die sie in dem jüdischen Leben der nächsten Jahrhunderte hervorrief, als vielmehr war sie selbst eine Wirkung von Ursachen, die schon früher bestanden hatten, und die, weil sie weiter bestehen, auch heute noch gefährlich sind. Es ist begreiflich, dass die erste Generation, die sich die europäische Kultur aneignete, die um die Staatsbürgerrechte kämpfte, deren gesamte Verhältnisse eine tiefgehende Umwandlung erfuhren, keine Zeit fand, sich um jüdische Angelegenheiten zu kümmern, sie hatte Mühe genug, sich in ihre neue Lage hineinzufinden. Mit dem Auftreten Moses Mendelsohns machte die bis dahin kontinuierlich verlaufene Geschichte des jüdischen Volkes einen Sprung. Viele vermochten nicht eine Brücke zu schlagen zwischen den alten Ueberlieferungen und dem modernen Leben und fielen von ihrem Stamme ab, die meisten blieben zwar äusserlich zugehörig, aber das Problem: Wie ist das Judentum innerlich in Uebereinstimmung zu bringen mit seiner veränderten äusseren Lage, vermochten sie nicht zu erkennen, geschweige denn an seine Lösung heranzutreten. Sie konstruierten jene berüchtigte Figur des Staatsbürgers mosaischer Confession, dieses Denkmal der Schwäche, das sie glaubten der Stärke ihres Gegners errichten zu müssen, aber es ist klar, dass damit die uralte nationale Geschichte unseres Volkes nicht ihren Abschluss gefunden haben konnte. Es musste der Augenblick kommen, den wir als das Wiedererwachen der jüdischen Nation zu bezeichnen pflegen, da die Besten wieder ihres Stammes sich bewusst waren und zu ihm zurückkehrten. Die Periode des Ueberganges aus dem Ghetto in das moderne Leben ist, soweit die westlichen Juden in Frage kommen, jetzt eine abgeschlossene. Unsere historische Aufgabe ist es nun, die augenblickliche Situation zu benutzen, nicht nur um den Bestand unseres Volkes zu sichern, sondern auch um ihm eine Zukunft anzubahnen, die glücklicher ist, als seine Vergangenheit war. Dazu aber bedürfen wir der Hilfe unseres ganzen Volkes und nicht zum wenigsten der westeuropäischen Gruppe, auf deren Intelligenz und Kapital, auf deren Macht und Einfluss, politischen und sozialen Erfahrungen wir nicht verzichten können. Hier erheben sich jedoch sofort die grössten Schwierigkeiten. Die zurzeit in Westeuropa lebende jüdische Generation, die das Ghetto nur noch vom Hörensagen kennt, die im Genüsse staatsbürgerlichen Rechts aufgewachsen ist, die in moderner Bildung erzogen wurde,, die alle Machtmittel der modernen Kultur besitzt, ist dem Juden-