Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1905)
- Date
- 1905-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3537599-3537636-3537638--0397-3538464- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
34 .-:-- befanden, bilden wohl die zahlreichen und wichtigen Berührungspunkte, die die Juden mit ihrer Umgebung verknüpfen, und die es ihnen im höchsten Masse erschweren, ein gesondertes Eigenleben zu führen. Die Juden des Mittelalters waren in dieser Beziehung ungleich günstiger gestellt,'sie bildeten eine kulturelle, politisch und wirtschaftlich in sich geschlossene Gemeinschaft. Sie hatten wenig Veranlassung, sich zu ihrer Umgebung hingezogen zu fühlen. Das Mittelalter war eine Zeit der Barbarei, der Rohheit, und der tiefsten Unwissenheit, dem gegenüber die Juden mit ihrem zarteren Empfinden, ihrer höheren Bildung, ihrem innigeren Familienleben, ihrer grösseren Intelligenz sich als die Höherstehenden betrachten mussten. Der politische Zustand der Zeit entsprach ihrem kulturellen. Das Staatswesen war wenig entwickelt, die Rechtsverhältnisse unklar, das Steuerwesen ungeordnet, die Centralgewalt schwach, es blieb Raum übrig für mannigfache Sonderbildungen, und so konnten sich die Juden zu Gemeinden und Gemeindeverbänden zusammenschliessen, in denen sie Organisationen von nationalem Charakter mit ziemlich weit reichenden politischen Rechten besassen. Die jüdische Gemeinde des Mittelalters war ein Kollektivwesen, das einem nur für sie geltenden Rechte unterstand. Sie wurde in corpore besteuert, sie hatte eine von aussen kaum gestörte Selbstverwaltung, eine selbständige civile und bis zu einem gewissen Grade auch selbstständige Straf-Gerichtsbarkeit, kurzum, die Juden lebten in kleinen, relativ unabhängigen Gemeinwesen, und dieser Zustand erhielt das Gefühl ihrer Eigenart und Zusammengehörigkeit in ihnen durchaus lebendig. Wirtschaftlich wurden sie durch den strengen Kastengeist der Zünfte von fast allen Gewerben ausgeschlossen, und dies machte ihre Abschliessung vollständig. Diese Verhältnisse änderten sich aber in dem Masse, wie die fortschreitende Entwickelung der Kultur die Beziehungen zwischen den Menschen verwickelter machten und neue zwischen ihnen schufen, so dass eine umfassendere Regulierung, eine Ausdehnung und zugleich Begrenzung der dem einzelnen zustehenden Rechte, d. h. eine Erstarkung der Staatsgewalt, notwendig wurde. Ihren vorläufigen Abschluss in politischer Beziehung fand diese Entwickelung in der Gewährung der staatsrechtlichen Garantien, die die Völker in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erzwangen und die, wie sie die Allgemeinheit befreiten, auch die Juden aus den Fesseln des Mittelalters lösten. Indessen die rechtliche Emanzipation der Juden ist weniger eine Ursache