Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 2 (1905)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1905)
- Date
- 1905-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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DER JUEDISCHE STUDENT. Vierteljahresschrift der Vereine Jüdischer Studenten (im Bunde Jüdischer Corporationen). £3 fca Herausgegeben von Dr. EMIL COHN. e& JAHRGANG II No. 2 JUNI-HEFT Der Nachdruck sämtlicher Artikel ist nur mit genauer Quellen - Angabe gestattet, Zur gegenwärtigen Lage der westlichen Juden. Von Dipl. Ing. Wilhelm Majerczik. Das jüdische Volk befindet sich zurzeit in einer Krisis, die so schwer ist, wie wohl kaum eine andere, die es jemals hat durchleben müssen. Zwar haben wir viele der heftigsten Erschütterungen in unserer Geschichte erlebt. Jahrhunderte lang wurden unsere Vorfahren geächtet, misshandelt und verfolgt, aber alles dies betraf das Judentum nur äusserlich, sein innerer Bestand, die Anhänglichkeit an die überlieferten Sitten und Gebräuche, an den Sabbath und die Feiertage, an die Familie und die Gemeinde, die Fortentwickelung des jüdischen Ideenkreises wurden davon wenig berührt. Erst die neuere Zeit brachte hierin eine Aenderung. Die westeuropäischen Juden, denen die Emanzipation die staatsbürgerliche Gleichberechtigung gebracht hatte, fingen an, die Bande, die sie bis dahin mit der Gesamtjudenheit verknüpft hatten, zu lockern. Die zahlreichen Taufen, die Mischehen, der Untergang des religiösen Gefühls, die Gleichgültigkeit ihren Stamm- Änteressen gegenüber rechtfertigen die Behauptung, dass die westlichen Juden ein krankes Glied am jüdischen Volkskörper sind, und wenn sie auch der Zahl nach nur einen geringen Bruchteil der Gesamtjudenheit ausmachen, so gewinnt der Zustand der Apathie, in den sie geraten sind, um so mehr an Bedeutung, als ihre Entwicklung ein warnendes historisches Beispiel sein kann für eine Entwicklung, die den östlichen Juden, der Hauptmasse unseres Volkes, vielleicht noch bevorsteht, wenn sie in die Kulturverhältnisse des europäischen Westens kommen werden. Die Hauptursache, die die Lage der heutigen Juden so verschieden gestaltet hat von derjenigen, in der sich ihre Vorfahren